Deutsche Bahn

Bahnkunden unzufrieden wie nie

Zahl der Beschwerden erreicht mit 2069 neuen Rekord. Züge sind noch unpünktlicher geworden

Die Zahl der Beschwerden von Bahnreisenden bei der zuständigen Schlichtungsstelle ist 2013 sprunghaft gestiegen. Bis 30. Dezember seien 3306 Schlichtungsanträge zu Bahnfahrten eingegangen, sagte der Geschäftsführer der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP), Heinz Klewe, am Montag. Das ist die mit Abstand größte Zahl in den vier Jahren, seit die Einrichtung ihre Arbeit aufgenommen hat. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 gab es 2069 Beschwerden, 2011 waren es 2448. Im Jahr 2012 sank die Zahl dann deutlich auf 2112 Anträge.

In knapp der Hälfte der Fälle hätten Kunden sich über Verspätungen und Zugausfälle geärgert, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“. In rund jedem dritten Beschwerdefall habe es Probleme mit dem Ticket gegeben. Jede vierte Beschwerde betraf den Service, etwa weil der Erste-Klasse-Wagen fehlte oder weil es an Hilfe für Menschen mit Gehbehinderung mangelte. „Weit mehr als 80 Prozent unserer Schlichtungsvorschläge wurden sowohl von den Reisenden als auch von den Verkehrsunternehmen akzeptiert“, sagte Klewe.

Allerdings endet für die Deutsche Bahn das Jahr freundlich. Mit zwei Jahren Verspätung sind vier von 16 bestellten neuen ICE von Siemens einsatzbereit. Das hilft im neuen Jahr bei dem Ziel, einen möglichst pünktlichen Fernverkehr anzubieten. 2013 gelang das nicht. Die Verspätungsstatistik fiel miserabel aus. Nur im Februar kamen im Durchschnitt mehr als 80 Prozent der ICE und IC-Züge planmäßig an. Der Tiefpunkt war im Monat Juni erreicht: Da lag die Quote bei 65,1 Prozent. Ähnlich lief es im Oktober mit 69,3 Prozent und November mit 69,2 Prozent.

All die Verspätungen und Zugausfälle führten 2013 nicht nur zu einem Rekord bei den Schlichtungsanträgen, sondern auch zu einem Rekordniveau an Entschädigungsanträgen bei der Bahn: 1,25 Millionen waren es, fast 40 Prozent mehr als 2012. Das 20. Jahr seit der Bahnreform mit Gründung der Deutschen Bahn AG Anfang 1994 war ein verflixtes.

Unzufrieden mit Entwicklung

„Da gibt es nichts zu beschönigen: Mit der Pünktlichkeitsentwicklung im abgelaufenen Jahr sind wir nicht zufrieden“, bilanzierte am Montag der für den Personenverkehr zuständige Bahn-Vorstand Ulrich Homburg. „Der erfreuliche Aufwärtstrend der letzten Jahre fand keine Fortsetzung und das wurmt uns.“

Homburg liefert auch eine Begründung: Eine überspülte Trasse an der Elbe führte fünf Monate lang zu langen Umwegen auf der Strecke Hannover-Berlin. Gefährliche alte Bergwerksstollen bremsten den Zugverkehr rund um Essen aus. Die Orkane „Christian“ Ende Oktober und „Xaver“ Anfang Dezember legten Hauptrouten des Fernverkehrs stundenlang lahm. Der Regionalverkehr im Norden war wegen vieler umgestürzter Bäume noch länger eingeschränkt.

Die größte Bahn-Blamage des Jahres war allerdings hausgemacht: Im Sommer waren im Stellwerk von Mainz nicht mehr genügend Fahrdienstleiter vorhanden, um den regulären Zugverkehr in der Region aufrechtzuerhalten. Der peinliche Notstand warf ein schlechtes Licht auf die Personalplanung der Bahn und abermals die Frage auf, ob das bundeseigene Unternehmen jahrelang an der falschen Stelle gespart hat. Das Debakel rüttelte die Bahn auf. Das Management setzte sich mit den Betriebsräten an einen Tisch und überprüfte die Dienstpläne. Das Ergebnis: Die Bahn stellt im neuen Jahr 1700 Mitarbeiter zusätzlich ein, um Lücken zu stopfen und Überstunden abzubauen.

Am Fahrzeugmangel bei den Hochgeschwindigkeitszügen wird sich kaum etwas ändern. Seit Mitte 2008 hat die Bahn nur noch eine kleine Reserve zur Verfügung. Damals brach die Achse eines ICE 3. Seitdem müssen die Achsen in der Werkstatt häufiger per Ultraschall auf Haarrisse untersucht werden. Noch immer sind keine neuen Achsen eingebaut, weil die Zulassung des Eisenbahn-Bundesamtes fehlt.

Bahnchef Rüdiger Grube will sich die Laune nicht verderben lassen. Er weitet dazu die Perspektive. Die Reform mit der Verschmelzung von Bundesbahn und Reichsbahn und der Umwandlung in eine privatrechtliche Struktur habe sich gelohnt, sagte er. Dank ihrer habe „der Schienenverkehr in Deutschland nach Jahren des Niedergangs einen neuen Aufschwung erlebt“. Im europäischen Vergleich stehe er sehr erfolgreich da. Möglicherweise kann die Bahn für 2013 wieder einen Rekord bei der Zahl der Bahnfahrten melden.