Forschung

Der Schatz im Edelstahl-Tank

Glycotope aus Buch entwickelt fünf Wirkstoffe gegen Krebs. 2016 soll der erste marktreif sein

Der Millionen-Schatz von Glycotope lagert hinter verschlossenen Türen im Gebäude des Biotechnologieparks Buch in silberglänzenden Gefäßen. Und an zwei anderen Orten auch, damit die kostbaren Zellkulturen auch überleben, wenn es mal brennt oder Diebe einsteigen. Die Arbeit von zwölf Jahren ist so gesichert, all die Fortschritte bei der Suche nach Antikörpern gegen Krebszellen, die das von Steffen Goletz 2001 gegründete Unternehmen erreicht hat. Fünf Wirkstoffe hat Glycotope in der Pipeline. Die Spezialisten haben im Verlauf der klinischen Tests noch kein Molekül verloren, wie Geschäftsführer Franzpeter Bracht sagt. Andere Biotech-Firmen kommen gerade mal auf einen oder zwei Entwicklungskandidaten, wenn die nicht funktionieren, war alles nur ein teurer Fehlschlag. „Aus dem, was wir haben, machen andere bis zu drei Firmen.“

Während bei Internet-Gründungen nach einer Lebensdauer wie die Glycotopes die Investoren schon Kasse gemacht haben wollen, müssen die Finanziers von Biotechnologie einen langen Atem haben. „Wir sind kein Start-up mehr sondern ein reifes Biotechnologie-Unternehmen“, sagt der neue Finanzmann Henner Kollenberg. 170 Menschen arbeiten für Glycotope in Buch und in Heidelberg, vor sechs Jahren waren es 30.

Das Finanzierungsproblem, das viele junge Biotech-Firmen in Deutschland hemmt, trifft die Bucher nicht mehr. Aber dass ein Unternehmen von der Größe und dem Stadium von Glycotope sich wie in den USA üblich Geld über die Börse besorgen könnte, ist in Deutschland kaum möglich. 130 Millionen Euro haben Investoren in die Firma gesteckt, der größte Teil davon stammt aus der Kasse der Gebrüder Thomas und Andreas Sprüngmann, die ihr Vermögen mit dem einst weltgrößten Generika-Hersteller Hexal machten und jetzt zu den größten Förderern der Biotechnologie gehören. Und auch der Mitgründer und Geschäftsführer des ebenfalls in Buch angesiedelten Strahlenmedizin-Spezialisten Eckert & Ziegler, Andreas Eckert, ist über seine Wagniskapitalgesellschaft mit einigen Millionen bei Glycotope dabei. Er setzt darauf, dass nach seinem eigenen Unternehmen die Bucher Nachbarn zum nächsten echten Mittelständler in der Berliner Gesundheitswirtschaft heranwachsen.

Das Potenzial haben sie. Ihr Kapital ist das Know-how um die Zuckerstrukturen von Proteinen, die als Glykosylierungsmuster bezeichnet werden. „Antikörper bestehen wie alle Proteine vor allem aus Ketten von Aminosäurebausteinen“, erklärt Bracht. „Aber darüber hinaus hängen an bestimmten Stellen des Proteinmoleküls auch Zuckergruppen, die eine große Rolle für die biologische Aktivität des Proteins spielen.“ Mit zwei Methoden attackieren die Glycototope-Wissenschaftler die Krebszellen über die Zuckerstrukturen. Zum einen macht die „GlycoExpress-Technologie“ getaufte Technik bestehende Präparate besser, weil die kranken Zellen mit Hilfe der Glycotope-Wirkstoffe durch körpereigene Abwehrstoffe effizienter identifiziert werden können. Damit sind die Wirkstoffe besser zu dosieren, der Wirkungsgrad steigt.

Zudem haben sie auch völlig neue Antikörper in der Pipeline, die sich über die Zuckerstrukturen an der Außenseite der Krebszellen andocken können. Ende November startete die klinische Phase 2 B für einen Wirkstoff namens PankoMab-GEX. 210 Patientinnen mit Eierstockkrebs an 41 Orten weltweit werden damit behandelt. Wenn die Tests sehr gute Ergebnisse zeigen, „gibt es womöglich die Zulassung für einen Teil der Patienten“, sagt Bracht, ohne die noch einmal sehr aufwendige letzte klinische Phase 3 zu durchlaufen: „Wir hoffen, dass wir 2017 im Markt sind.“

Bracht sagt: „Der Weg ist weit. Wir sind auf dem letzten Stück.“ Er zeigt Fotos von einer Brustkrebspatientin. Auf dem ersten Bild wuchert ein dunkelroter Tumor, dringt sogar durch die Haut nach außen. Nach wenigen Tagen zeigen die Bilder einen Rückgang. Nach sechs Wochen ist der rote Fleck fast verschwunden. „Es wäre übertrieben von einer Revolution der Krebstherapie zu sprechen“, sagt Bracht, „aber wir machen einen deutlichen Schritt nach vorn.“

Bisher erwirtschaftet das Unternehmen mit Diagnostika nur zwei Millionen Euro pro Jahr, ein „charmantes Nebengeschäft“. Welche Einkünfte möglich sein werden, darüber will der promovierte Biologe und frühere Unternehmensberater Bracht nicht spekulieren. Die Erwartungen an den Markt seien nicht zu beziffern. Das Gesundheitswesen sei im Umbruch, die Preise würden tendenziell sinken. Sicher sei aber, dass die mit den Glycotope-Wirkstoffen verbesserten Präparate weltweit Milliarden-Umsätze erzielen. „Wir reden über enorme Summen, die da herauskommen können“, sagt Bracht.

Um für die Zeit der Marktreife gewappnet zu sein, hat Glycotope eine eigene Produktion aufgebaut. Und zwar nicht in Berlin, wo die Forschung mit 95 Mitarbeitern läuft, sondern in Heidelberg. Die Manager hatten zwischenzeitlich erwogen, in unmittelbarer Nähe des Bucher Campus’ eine neue Fabrik zu errichten. Aber sie hatten zuvor in Heidelberg einen Spezialbetrieb mit 35 Mitarbeitern für Produktion und Diagnostik erworben, mit allen Gebäuden und Zulassungen. 2009 übernahmen sie günstig von einem insolventen Betrieb zusätzliche Anlagen. Als es dann darum ging, wo und wie erweitert werden sollte, machte die Universitätsstadt im Südwesten das Rennen. Denn dort ergab sich die Chance, eine direkt angrenzende Halle zu erwerben. „In Heidelberg hat das fünf Millionen Euro gekostet, in Berlin wäre es das aufgrund des notwendigen Neubaus das dreifache gewesen“, begründet Geschäftsführer Bracht die Entscheidung gegen Berlin.

Die Trennung bedeute zwar mehr Reisezeit für die Chefs, mache aber auch Sinn. Forscher und Produzenten seien eben eine unterschiedliche Art Menschen. Forscher wollten immer alles noch besser machen, während die Leute in der Produktion vor allem darauf achten, die genehmigten Prozesse möglichst penibel einzuhalten.

Die Glycotope-Chefs schätzen den Standort Berlin, weil sie in den Bucher Parks anregende Spaziergänge unternehmen und Spitzenkräfte gewinnen können aus Universitäten und Instituten. So wie die Prozessentwicklerin Karina Nawrath, die vor einem Jahr von der Universitätsklinik Charité zu Glycotope wechselte. Die Umgebung mit dem Max Delbrück Centrum für molekulare Medizin sei wichtig, ebenso die großen Stationen für Onkologie an der Charité oder dem Helios-Klinikum in Buch. Es sei immer hilfreich, sich auch mal auf kurzem Dienstweg mit Ärzten in der Nähe besprechen zu können.

Aber dennoch ist Berlin eben nicht so gut, wie es sein könnte. Die Verkehrsanbindung in Buch sei verbesserungswürdig, der letzte Bus fahre vom Campus um 21 Uhr. In Heidelberg sei das Management der Biotech-Szene „exzellent“, sagt Bracht. Berlin sei da „nicht so gut aufgestellt“, die Förderung sei „suboptimal“. Während in Baden-Württemberg öffentliche Geldgeber Fördermittel für Projekte offensiv anbieten würden, tue sich in Berlin die Investitionsbank IBB schwer mit Biotech, so Bracht.

Aber auch wenn die Produkte marktreif werden und die hergestellten Mengen hochgefahren werden, bleibt der Effekt auf die Arbeitsplätze in Heidelberg überschaubar. Mit 20 bis 30 Mitarbeitern mehr lasse sich das für den ersten Markteinstieg bewerkstelligen, ist der Geschäftsführer überzeugt. Die Forschung ist und bleibe in Buch.