Bericht

Vor Weihnachten dreimal so viele Pakete wie sonst

Joachim Grunwald liefert am Tag bis zu 240 Päckchen für die Post aus

Joachim Grunwald weiß, wenn er bei Herrn Wegner im dritten Stock klingelt, dann ist der nicht da, dafür ist Frau Kunath meist um diese Zeit zu Hause und inzwischen versteht sie sich wieder mit Herrn Wegner, zumindest so gut, dass sie letztens seine Pakete entgegen genommen hat. Als Frau Kunath für Herrn Wegner auf dem kleinen Gerät unterschreibt („Da muss ich ja richtig aufdrücken, damit man meine Schrift erkennt!“), ist Postbote Joachim Grunwald aber schon bei der nächsten Lieferung, im Kopf zumindest, denn wenn Frau Borowski aus dem zweiten Stock nicht da ist, dann nimmt hoffentlich der Herr Schmid von der Apotheke das Päckchen entgegen...

Zwei Minuten später reicht Grunwald ein großes Amazon-Paket über die Apotheken-Theke und Herr Schmid sagt: „Ach die Frau Borowski, für die nehme ich das gern entgegen.“

Paketzusteller, das sei trotz des Stresses und des permanenten Voraus-Planen-Müssens vor allem ein sehr sozialer Beruf. So sagt das der 48 Jahre alte Joachim Grunwald jedenfalls, seit 19 Jahren Paketzusteller, in den letzten zehn Jahren in dieser Gegend in Lankwitz. Angefangen hat er noch als Germanistik-Student, inzwischen aber sieht er sich fast als Hobby-Ethnologe. „Man bekommt einen großes Spektrum der Gesellschaft jeden Tag präsentiert“, sagt er und meint Einfamilienhäuser, sozialen Wohnungsbau, Studenten-WGs. „Mit der Zeit habe ich gelernt zu verstehen, warum bestimmte Menschen einander mögen und andere nicht.“ Das sei interessant, ein bisschen wie eine große Seifenoper – wobei er selber nur eine kleine Nebenrolle spielt, denn nur ein paar Sekunden später muss er schon an der nächsten Tür klingeln.

„Weihnachten ist die Spitze“

Sein Beruf ist gerade unter starker Beobachtung, weil gerade zur Weihnachtszeit bis zu dreimal so viele Pakete ausgeliefert werden wie sonst. Erste Postboten haben sich anonym zu Wort gemeldet und über hohe Arbeitsbelastung geklagt. Die Deutsche Post hat reagiert – und zur Bewältigung des Festtags-Ansturms zusätzlich 10.000 Stellen geschaffen, die Hälfte davon befristet. Beim gesamten Paketvolumen werde die Post im Jahr 2013 erstmals die Zahl von einer Milliarde deutlich überschreiten – vor allem wegen der Weihnachtszeit. Rund acht Millionen Pakete werden derzeit in Deutschland täglich ausgeliefert, normal sind rund 3,3 Millionen am Tag. Hauptgrund für dieses hohe Aufkommen ist die Lust der Deutschen am Online-Bestellen. Es ist nicht nur bequemer als ein Einkauf im vollen Weihnachtstrubel, sondern oft auch günstiger.

Doch die festen Mitarbeiter wie Joachim Grunwald merken den Unterschied nicht unbedingt an der Menge der Pakete, die sie ausliefern müssen. Grunwald hat an diesem Tag 204 Pakete in seinem Lieferwagen, die er im Kiez rund um die Kaiser-Wilhelm-Straße in Lankwitz austragen wird. „An manchen Tagen können es bis zu 240 Pakete sein“, sagt er, „aber das bedeutet, dass die Gebiete immer kleiner werden, in denen wir austragen.“ Das Fachwort dafür laute: Schneidung. Jeder Bezirk werde am Anfang einer Woche in unterschiedliche Bereiche unterschnitten, so dass sich die entsprechend gestiegene Menge der Pakete besser aufteile und in einer Acht-Stunden-Schicht von einem Paketboten bewältigt werden könne. „Wir fahren derzeit im Starkschnitt“, sagt Grundwald, das hieße, es gibt besonders viele Pakete pro Straße. „Weihnachten ist die Spitze“, sagt er.

Neben der Post mit dem Service DHL gibt es noch die großen Mitbewerber Hermes, GLS und DPD. Sie alle profitieren von der Bequemlichkeit der Internetnutzer die nur mit wenigen Klicks sich inzwischen sogar Nahrungsmittel nach Hause liefern lassen können. Noch vor einem Jahr war auch bei der Deutschen Post von hohem Krankenstand die Rede und regelmäßiger Überlastung – bei geringer Bezahlung.

Vor allem durch die aktuellen Streiks in der Leipziger Packzentrale von Amazon wurden viele aufmerksam auf die gnadenlose Geschäftstechnik des größten Online-Händlers aus den USA. Gefordert wird ein Lohn von 11,39 Euro pro Stunde, also eine Erhöhung von 1,84 Euro für Einsteiger. Kein Wunder, dass Firmengründer Jeff Bezos das Unternehmen ursprünglich „Gnadenlos“ (englisch: „Relentless“) nennen wollte und die Internetseite „www.relentless.com“ noch heute zu Amazon führt. Einer der Hauptpartner von Amazon ist die Deutsche Post.

Doch die Amazon-Pakete sind das kleinste Problem von Joachim Grunwald. Die sind meist eher leicht, an diesem Vormittag ein Buch, eine CD, eine Kamera. Schwieriger wird es mit Lieferungen von Weinhandlungen mit vielen Flaschen oder von Katzenstreu. „Bis zu 31,5 Kilogramm sind erlaubt“, sagt der Postbote, „und das kann schon ganz schön schwer werden im fünften Stock.“ Aber es ist Teil seines Berufs, sagt Joachim Grunwald, den er eben sehr gern ausübe. „Ich mache nebenbei Sport und versuche so, gegen die Berufskrankheit anzukämpfen.“

Berufskrankheit Rücken

Fast jeder seiner Kolleginnen oder Kollegen habe schon etwas mit dem Rücken gehabt, sagt er. Es bleibt für den Körper eine anstrengende Arbeit, für die man Aufmerksamkeit braucht – und im Fall des Zustellers auch Einfühlungsvermögen. Denn hinter jede Tür steht eben ein Mensch, meist in Privatkleidung, gern auch in Bademantel oder Schlafanzug. „Sich auf den in kurzer Zeit einzustellen habe ich auch lernen müssen.“

Die Arbeit des Zustellers hat sich in den letzten Jahren stark automatisiert. Fast alles läuft über Strichcodes und eine kleine Maschine, die den Zustellern am Gürtel baumelt. Mehr Pakete in weniger Zeit. Die Empfänger unterschreiben mit einem Plastikstift, oder die Nachbarn, wenn der Empfänger nicht da ist. Diese Geräte wurden ausführlich getestet, und immer wieder verbessert. Eine frühere Version war zwar kleiner, handlicher, aber dafür berührten sich immer wieder die Hände von Boten und Empfänger. Das war für einige dann doch zu enger Kontakt.

Als Joachim Grunwald an diesem Vormittag aber durch die Tür in der Buchhandlung von Eleonore Friebe vorbeischaut, ist es fast, als wäre er kein Postbote, sondern ein alter Freund. „Sind die alle für mich?“, fragt die Inhaberin des Ladens. „Nein, nicht nur“, sagt Grunwald, „ich würde gern auch welche für die Nachbarn abgeben.“ Die Buchhändlerin nickt und unterschreibt auf dem Gerät. „Kein Problem, hier ist noch dein Muffin“, sagt sie, „das Weihnachtsgeschenk bekommst du später, wir sehen uns ja sicher noch.“ Grunwald ist das sichtlich unangenehm, Geschenke dürfen sie eigentlich nicht annehmen, aber ein Carrot-Muffin, das sollte nicht gegen die Post-Regeln verstoßen. Vorsichtig, wie ein Wein-Paket trägt er den Muffin zurück zum Wagen.

In solchen Momenten wird klar, dass der Bote mehr ist als das analoge Ende einer langen digitalen Logistik-Kette, die mit einem Mausklick beginnt und mit dem Türklingeln endet. In Kanada überlegt die Post, den Zusteller ganz abzuschaffen, dann ist Schluss mit der Knochenarbeit. Aber wer klingelt dann noch bei Frau Borowski?