Prognose

Berlin lernt Wachstum

Mehr Jobs, mehr Geld: Wirtschaftsforscher sagen der Hauptstadt jahrelangen Aufschwung voraus

Berlin hat die Chance, bis 2020 den wirtschaftlichen Rückstand zum übrigen Bundesgebiets aufzuholen und in weiteren zehn Jahren sogar ein um zehn Prozent höheres Bruttoinlandsprodukt zu erzielen als der Durchschnitt Deutschlands. Das ist das Ergebnis einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Kooperation mit der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK). Nach den Berechnungen des DIW-Wissenschaftlers Martin Gornig müsste Berlin dafür seine Wirtschaftsleistung in den nächsten Jahren bis 2020 seine Wirtschaftsleistung um real 1,9 Prozent steigern, in der folgenden Dekade dann um 1,6 Prozent pro Jahr. Das wäre deutlich mehr als im Rest Deutschlands, wo das DIW von 1,1 beziehungsweise 0,6 Prozent Wachstum ausgeht. Die Produktivität je Erwerbstätigem werde ebenfalls stärker steigen als im Bundesdurchschnitt.

„Das ist kein Wunschkonzert, sondern eine realistische Überlegung“, sagte der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Christian Wiesenhütter am Mittwoch. „Das ist drin für diese Stadt.“ Gesellschaft und Politik müssten sich jedoch entschließen, diese Entwicklung zu wollen und etwa Folgen wirtschaftlichen Aufschwungs wie steigende Mieten oder Konkurrenz um Flächen auszuhalten. „Berlin muss wieder lernen, mit wirtschaftlichem Wachstum umzugehen“, sagte der IHK-Vize.

Die Forscher gehen zwar davon aus, dass sich das Wachstum verlangsamen wird. Seit 2005 legte Berlin jährlich um 2,3 Prozentpunkte zu und konnte den seit Mitte der 90-er Jahre dauernden Schrumpfungsprozess seiner Wirtschaft umkehren. Dennoch habe die Stadt auch bei etwas abgeschwächten Wachstumsraten die Chance, die relative Position in Deutschland zu verbessern. 2030 wäre dann eine Position erreichbar, wie sie etwa Rom in Italien einnimmt. Italiens Hauptstadt erreicht etwa 110 Prozent des wirtschaftlichen Niveaus in ganz Italien. Andere Hauptstädte wie London, Paris oder Warschau sind dominanter und erwirtschaften bis zu 70 Prozent mehr als der Durchschnitt der Länder.

Wirtschaftsfreundliche Verwaltung

Drei Wachstumstreiber haben aus DIW-Sicht für den Aufholprozess gesorgt. Die Tourismus-Zahlen haben sich seit 2003 verdreifacht, die Branche schafft viele Jobs. Berlin ist Gründerhauptstadt. 2012 habe Berlin die Hälfte des in Deutschland verfügbaren Wagniskapitals auf sich gezogen, sagte Gornig. Berlin sei bei jungen Menschen attraktiv, durchaus auch bei jungen Erwerbstätigen zwischen 25 und 29, nicht nur bei Studenten. Zudem habe sich die Industrie modernisiert und habe den Wachstumsverlust im Vergleich zum Rest Deutschlands annähernd aufgeholt.

Hinter diesen Erfolgen stehen nach der Analyse der Wissenschaftler zwei Faktoren. Das eine sei das kulturelle Potenzial der Stadt, das zweite das wissenschaftlich-technologische Potenzial. Der Schlüssel für die Zukunft sei, wie Berlin dieses Potenzial ausnutze.

Die IHK hat Thesen formuliert, wie der Weg hin zu einer echten Wirtschaftsmetropole zu beschreiten wäre. Wirtschaft und Wissenschaft seien enger zu verknüpfen und die Belange der Industrieunternehmen müssten die Stadtplaner stärker berücksichtigen, so der IHK-Vertreter Wiesenhütter. Liegenschaften müssten transparenter vergeben werden, wobei auch direkte Vergaben von Grundstücken an Unternehmen möglich bleiben müssten. Das Klima für Gründer müsse verbessert und zuwandernde Fachkräfte willkommen geheißen werden. Die Verwaltung müsse wirtschaftsfreundlicher agieren, auch sollten die Planer die Bürger bei ihren Vorhaben frühzeitig einbeziehen.

Der Generalbevollmächtigte der Investitionsbank Berlin, Matthias von Bismarck-Osten, plädierte dafür, sich bei der Förderung von Gründern nicht nur auf die Internet-Szene zu konzentrieren. Von den 3000 Gründungen, die im vergangenen Jahr in den Berliner Technologeiclustern erfolgt seien, stammten nur 600 aus der digitalen Wirtschaft, sagte Bismarck-Osten. Ziel müsse sein, aus diesen zumeist noch sehr kleinen Unternehmen große zu machen. Wichtig sei, Freiräume zu erhalten, sagte der Banker: „Die kreativen Versammlungsräume dürfen nicht Versicherungsbauten weichen.“

Der Landesvize des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Christian Hoßbach, mahnte die Unternehmen, mehr in die Fachkräfte von morgen zu investieren. „Wir können in Berlin kein überdurchschnittliches Wachstum erwarten, wenn die Betriebe weit unterdurchschnittlich ausbilden“, sagte er. Das gelte auch für die Bezahlung der Mitarbeiter. Auch hier werde sich das niedrige Lohnniveau nicht halten lassen, wenn Berlin um die besten Fachkräfte konkurrieren wolle.

Die Gutachter um Gornig sehen tatsächlich das Angebot an ausgebildeten Spezialisten in Berlin als wichtiges Plus. Der Fachkräftemangel werde in Berlin deutlich weniger zuschlagen als an anderen Orten. Die Zeiten, in denen wie zuletzt 30.000 zusätzliche Stellen pro Jahr entstanden sind, seien zwar bald vorbei, so seine These. Aber im Vergleich zum Bundesgebiet, wo die Erwerbstätigenzahl insgesamt in den kommenden Jahren zurückgehen werde, erwartet er in Berlin noch ein Plus von einigen Prozentpunkten. 2030 könnten in Berlin demnach 1,87 Millionen Menschen arbeiten, fast 100.000 mehr als derzeit. Die Bevölkerung werde ebenfalls wachsen, aber nicht so stark wie vom Senat prognostiziert.