Ermittlungen

Vom Pech verfolgt

Die Commerzbank eröffnet in Berlin eine Testfiliale, um neue Kunden zu erreichen. Jetzt kamen erst einmal Steuerfahnder

Mehrere Monate hatten sich die Commerzbanker auf diesen Tag vorbereitet. Schließlich sollte es um das Herzstück der Bank gehen – die Filialen. Beim Geschäft am Schalter hat das Institut dramatische Schwächen. Gleichzeitig sind Kunden und Mitarbeiter hier besonders sensibel. Bereichsvorstand Michael Mandel war deshalb sehr vorsichtig. Am Dienstagmorgen dann traute er sich endlich aus der Deckung und stellte sein neues Filialkonzept vor – mehr als ein Jahr hatten er und sein Team darüber gebrütet. Jedes Detail musste stimmen: von der Farbe des Teppichs bis zur Kaffee-Lounge. Die Bank überließ nichts dem Zufall. Am Freitag dann soll in der Berliner Uhlandstraße die erste echte Filiale neuen Typs eröffnet werden – mit der Hoffnung auf ein positives Medienecho und vor allem mehr Kunden.

Doch scheinbar wird die Bank vom Pech verfolgt. Noch während Mandel die ersten zarten Erfolge im Privatkundengeschäft anpries, durchsuchten Steuerfahnder die Zentrale an der Frankfurter Kaiserstraße und mehrere Niederlassungen der Commerzbank. Obgleich die Ermittler das Geldhaus nicht als Verdächtigen, sondern nur als Zeugen im Visier haben, verdarb die Steuer-Razzia Mandel gründlich die Show. Das Institut ist wieder einmal in den Negativschlagzeilen – vermutlich unverschuldet.

Tatsächlich verdächtigen die Fahnder einen ausländischen Lebensversicherer, deutschen Anlegern in Hunderten Fällen bei der Steuerhinterziehung geholfen zu haben. Entsprechende Unterlagen suchten die Ermittler während ihrer Razzia bei der Commerzbank. Allerdings werde nicht gegen deren Mitarbeiter, sondern die des Finanzdienstleisters ermittelt, stellte die Commerzbank klar. Das Institut kooperiere vollumfänglich mit den Ermittlungsbehörden, hieß es zudem bei der Commerzbank. Die Staatsanwaltschaft Bochum bestätigte, dass die Bank keine Verdächtige, sondern nur eine Zeugin in dem Fall sein. Sie führe und verwalte die Depots zu denjenigen Lebensversicherungsverträgen, die die Steuerfahnder auf den Plan riefen.

Die Ermittler der Staatsanwaltschaft und der Düsseldorfer Steuerfahndung verdächtigen Verantwortliche und Mitarbeiter des Lebensversicherers ab 2006 in mehr als 200 Fällen Beihilfe zur Steuerhinterziehung geleistet zu haben. Dabei geht es um einen bis vor einiger Zeit beliebten Steuertrick mit Lebensversicherungs-Mänteln. Die werden seit vielen Jahren als Steuersparmodell verkauft, zum Beispiel um große Erbschaften anzulegen. Dabei werden Aktiendepots in Lebensversicherungen „verpackt“. Diese sind steuerbegünstigt, anders als bei normalen Geldanlagen wird die Abgeltungssteuer, die seit 2009 erhoben wird, darauf nicht fällig.

An den Durchsuchungen waren am Dienstag rund 270 Steuerfahnder sowie drei Staatsanwälte aus Bochum beteiligt. Zur genauen Anzahl und Lage der betroffenen Filialen wollte die Commerzbank keine Details nennen. Angeblich erwarten die Fahnder, Beweise für Steuerhinterziehung in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro zu finden. Auslöser der Ermittlungen sind Unregelmäßigkeiten bei einer Steuererklärung im September 2013 in Nordrhein-Westfalen. Die Commerzbank stehe im Fokus, weil sie Konzernpartner des betroffenen Versicherungskonzerns gewesen sei. Nach Informationen von Beteiligten hätten die Kunden ein Mindestanlagevolumen von 500.000 Euro eingebracht.

Dass gerade während der Präsentation der neuen Filialkonzepte die Commerzbank wegen dieser Ermittlungen durchsucht wurde, ist wohl kaum mehr als ein unglücklicher Zufall. Trotzdem kann Bereichsvorstand Mandel nur hoffen, dass sich seine Pechsträhne nicht fortsetzt. In den kommenden Monaten will er in Berlin und Stuttgart sieben weitere neue Filialen öffnen. Oberstes Ziel ist es, mehr Kunden dazu zu bringen, sich weiter in das Innere der Filiale zu wagen. Denn bisher bleiben die meisten in der Selbstbedienungszone. Nur acht Prozent führen auch Beratungsgespräche.

Dafür sind in den Pilotfilialen künftig von 8 Uhr bis 19.30 Uhr Mitarbeiter da, so dass diese Filialen 57,5 Stunden pro Woche geöffnet sind. Das soll ohne Mehrarbeit und Neueinstellungen gehen, indem Mitarbeiter versetzt arbeiten. Nach rund einem Jahr will das Institut Bilanz ziehen und entscheiden, wo und wie viele der Filialen es umbauen will.