Medizin

Heilmittel mit Strahlkraft

Pharmakonzern Bayer bietet für Krebsspezialisten Algeta. Kauf stärkt auch den Standort Berlin

Bayer plant die Übernahme des norwegischen Krebsspezialisten Algeta. „Wir haben ein vorläufiges Angebot für Algeta abgegeben“, sagte ein Bayer-Sprecher am Dienstag. Details nannte er nicht. Algeta hatte zuvor berichtet, dass Bayer knapp 1,8 Milliarden Euro für die in Oslo ansässige Firma geboten hat. Mit der milliardenschweren Übernahme würde der Pharmakonzern auch sein in Berlin gebündeltes Geschäft mit der Krebsmedizin stärken. Sie ist eines der Kerngebiete von Bayer im Pharmageschäft. Mehr als 4800 Mitarbeiter beschäftigt der Konzern in der Hauptstadt, mehr als 2000 davon arbeiten in der Forschung. Das von Berlin aus gesteuerte Umsatzvolumen beläuft sich auf rund zehn Milliarden Euro.

Bayer arbeitet bereits mit Algeta bei der Krebsarznei Xofigo zusammen. Dem Medikament wird ein Umsatzpotenzial von mehr als einer Milliarde Euro im Jahr zugetraut. In der Branche werden solche Arzneien Blockbuster genannt. Davon gibt es immer weniger. Darum konzentriert sich die Pharmabranche auf die Krebsmedizin, weil hier die Behandlungserfolge bisher begrenzt sind und die Unternehmen für biotechnologisch entwickelte Mittel hohe Preise verlangen können – für einige Medikamente 10.000 Dollar (7400 Euro) oder mehr pro Monat.

Im vergangenen Jahr wurden weltweit 84 Milliarden Dollar mit Krebsmedikamenten umgesetzt. Nur mit Behandlungen des zentralen Nervensystems wurde laut Daten von EvaluatePharma mehr erzielt. Der Umsatz mit Krebsmitteln soll mit acht Prozent pro Jahr schneller wachsen als der mit Präparaten für alle anderen Krankheiten und bis 2018 zum größten Markt der Branche werden.

Weil die Entwicklung von neuen Medikamenten aber langwierig und risikoreich ist, fahren große Konzerne eine zweigleisige Strategie. Zum einen arbeiten sie selbst an neuen Wirkstoffen, zum anderen kaufen sie Biotech-Unternehmen, die sich auf die Suche nach neuen Behandlungswegen spezialisiert haben. In einer der größten Übernahmen in der Biotechnologie-Branche hatte zum Beispiel Weltmarktführer Amgen im August für 10,4 Milliarden Dollar den kleineren Rivalen Onyx übernommen, der bereits seit Jahren mit Bayers Biotech-Sparte in Berlin zusammenarbeitet.

Große Hoffnung Biotech

Einen der größten Umsatzbringer (Nexavar gegen Nieren und Leberkrebs) und einen der größten Hoffnungswerte (Stivarga gegen Darmkrebs) hat Bayer zusammen mit Onyx entwickelt. Allerdings sind solche Biotech-Geschäfte auch nicht ohne Risiken, weshalb die großen Konzerne die Übernahme von Firmen bevorzugen, deren Medikamente bereits zugelassen und auf dem Markt sind. Das ist bei der norwegischen Algeta der Fall.

Bayer und die Norweger arbeiten seit 2009 beim Prostatakrebsmittel Xofigo zusammen. Das Präparat zählt zu den fünf wichtigsten neuen Arzneien der Berliner. Xofigo gibt radioaktive Alpha-Strahlung ab und soll so gezielt gegen Krebszellen in den Knochen wirken. Erst Mitte des Monats hatte die Europäische Kommission die Arznei in Europa zur Behandlung von Prostatakrebs-Patienten mit Knochenmetastasen zugelassen. Damit kann Xofigo in den 28 Mitgliedsländern der EU sowie in Norwegen, Island und Liechtenstein verkauft werden. In den USA ist Xofigo bereits auf dem Markt. Analysten der DZ Bank rechnen mit einem jährlichen Umsatz weltweit von 300 Millionen Euro, der ab 2016 auf 800 Millionen Euro steigen könnte.

Bayer ist weltweit für die Entwicklung und Vermarktung von Xofigo verantwortlich. In den USA vertreiben Algeta und Bayer das Medikament gemeinsam, Algeta erhält die Hälfte der Einnahmen. Außerhalb der USA bekommt Algeta erfolgsabhängige Zahlungen, Bayer betiligt das Unternehmen an den Umsätzen.

Klappt die Übernahme des Kooperationspartners bekäme Bayer-Chef Marijn Dekkers die volle Kontrolle über den Hoffnungsträger. Zudem könnten die Forschungen der Norweger in der Krebsmedizin in einigen Jahren zu neuen lukrativen Medikamenten führen. Algeta arbeitet darüber hinaus an Krebspräparaten, die auf der radioaktiven Substanz Thorium 227 basieren. Dabei kooperieren die Norweger unter anderem mit dem französischen Sanofi-Konzern und mit der belgischen Biotechfirma Ablynx. Thorium 227 ist eine nach dem nordischen Donnergott Thor benannte Substanz, die wie der Xofigo-Wirkstoff radioaktive Alpha-Strahlung abgibt. Algeta will Thorium 227 zur zielgerichteten Krebstherapie einsetzen. Den Plänen zufolge soll Ende 2014 ein Wirkstoff die Phase der klinischen Entwicklung erreicht werden.

Die Firmenzentrale von Algeta liegt in Oslo, in den USA besitzt das Unternehmen eine Vertriebstochter, die von Cambridge aus operiert. Im dritten Quartal setzte Algeta 55 Millionen Kronen (6,7 Millionen Euro) um nach 60 Millionen Kronen im Jahr zuvor. Der Nettoverlust kletterte von 39 auf 98 Millionen Kronen. Vor allem gestiegene Forschungskosten und der Aufbau eines Vertriebs in den USA stehen hinter dem höheren Verlust. Algeta hatte zuletzt 175 Beschäftigte.

Nach Angaben von Algeta bietet Bayer 336 Kronen (umgerechnet rund 40 Euro) je Aktie. Das entspricht einem Aufschlag von 27 Prozent auf den Algeta-Schlusskurs vom Montagabend. Das Geschäft hat damit ein Gesamtvolumen von knapp 1,8 Milliarden Euro. Die Gespräche seien aber noch in einem frühen Stadium, berichtete Algeta. Es sei daher nicht sicher, dass das Angebot auch zu einer Übernahme führen werde.

Algeta-Finanzchef Oystein Soug wollte die Höhe der Bayer-Offerte nicht bewerten. Die Firma stehe aber nicht unter Druck, eine Vereinbarung zu schließen, sagte er. Zu einer möglichen Gegenofferte eines anderen Konzerns sagte Soug: „Ich würde diese Möglichkeit nicht ausschließen, aber das ist natürlich nicht meine Entscheidung.“ Bayer hatte allerdings in der jüngeren Vergangenheit teure Übernahmekämpfe vermieden. Im Wettbieten um Onyx hatte sich Bayer trotz Interesses nicht beteiligt.

An der Börse in Oslo schoss die Algeta-Aktie um mehr als 30 Prozent auf 345,5 Kronen und übertraf damit das Bayer-Angebot. Investoren rechnen offenbar damit, dass die 336 Kronen noch nicht das letzte Wort sind. Für Biotech-Unternehmen seien häufig Aufschläge von 50 bis 60 Prozent gezahlt worden, kommentierte das Bankhaus UBS. „Da Bayer eine Prämie von 27 Prozent bietet, glauben wir, dass das zu wenig ist, damit Investoren die Offerte als attraktiv bewerten.“ Die UBS-Analysten rechnen daher mit einem erhöhten Gebot.