Arbeitskampf

Amazon will bei Streiks ins Ausland ausweichen

Online-Händler bleibt im Streit mit Ver.di hart. Weihnachtsgeschenke eventuell aus Frankreich

Das Online-Versandhaus Amazon verlässt sich im Streit mit der Gewerkschaft Ver.di auf sein ausgedehntes europäisches Logistiknetz. Notfalls will der Konzern offenbar auch Verteilzentren in Frankreich und Großbritannien nutzen, um im Weihnachtsgeschäft den deutschen Markt zu versorgen, sollte hierzulande in großem Umgfang gestreikt werden. „Amazon hat sein europäisches Logistiknetzwerk in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut und ist damit in der Lage, seine Kunden in ganz Europa zufriedenzustellen“, sagte eine Sprecherin, ohne jedoch auf Einzelheiten der Gegenmaßnahmen einzugehen.

Die deutsche Gewerkschaft will die vorweihnachtliche Hochsaison im Handel nutzen, um den US-Konzern mit Arbeitsniederlegungen zum Abschluss eines Tarifvertrages zu den Konditionen des Einzelhandels zu zwingen. Amazon orientiert sich bei der Bezahlung nach eigenen Angaben am für Beschäftigte ungünstigeren Tarif der Logistikbranche. Der Konflikt schwelt seit Monaten, ohne dass ein Kompromiss erkennbar wäre. Ein Ver.di-Vertreter für Amazon-Beschäftigte hat angekündigt, die Arbeit werde in der Adventszeit an den Standorten Bad Hersfeld und Leipzig „hundertprozentig“ niedergelegt. Ziel sei, dass möglichst viele Weihnachtspakete liegen blieben.

Für die Verbraucher drohen die geplanten Streiks unangenehm zu werden. Viele Geschenke, so die Sorge, könnten in der Logistikkette hängen bleiben, statt auf dem Gabentisch zu landen. Die rechtliche Situation ändert sich durch den besonderen Zeitraum der Vorweihnachtszeit allerdings nicht. Schadenersatzansprüche wegen Streiks etwa sind nach Einschätzung von Fachjuristen nur schwer durchzusetzen.

15.000 Saisonkräfte vorgesehen

„Streik ist höhere Gewalt“, sagte Peter Lassek, Referent für Verbraucherrecht bei der Verbraucherzentrale Hessen. Zudem müssten Konsumenten Schäden wegen Lieferverzögerung vor Gericht ganz konkret nachweisen können. Das Argumentieren mit vermeintlich einmaligen Schnäppchen tauge dazu ebenso wenig wie weinende Kinder, deren Spielkonsole oder Handy nicht rechtzeitig zu Heiligabend unter dem Tannenbaum lägen. „Tränen gelten rechtlich als immaterielle Schäden“, sagt Lassek lapidar. „Wenn ich etwas ganz Bestimmtes unter dem Baum haben will, muss ich mich im Zweifel woanders eindecken.“

Amazon will mit allen Mitteln verhindern, dass Kunden abwandern. Für das Weihnachtsgeschäft sollen deshalb bundesweit rund 15.000 Saisonkräfte eingestellt werden. Die Konzernsprecherin gab sich auch gelassen. „Bisherigen Aufrufen zum Streik ist die große Mehrheit der Mitarbeiter nicht gefolgt, sondern hat regulär gearbeitet, um die Erwartungen unserer Kunden zu erfüllen“, sagte sie.

Das Weihnachtsgeschäft 2013 könnte zur ersten wahren Machtprobe zwischen Amazon und Ver.di werden. Für die Gewerkschafter wäre es schon ein Erfolg, wenn sie es schafften, den minutiös getakteten Ablauf durcheinanderzubringen. Doch das wird schwierig. So sind die Zeitarbeiter nicht bei Ver.di organisiert, haben kein Interesse an einem Streik und erschweren Störmanöver. Zudem hat Amazon Ver.di taktisch geschickt ein wichtiges Argument für den Streik genommen: Der Konzern kündigte an, Weihnachtsgeld zu zahlen.

Ausgeklügelte Software

Ver.di fällt es schwer, den Riesen wirklich aus dem Takt zu bringen. Eine ausgeklügelte Software verteilt die Bestellungen der Kunden im Sekundentakt in Zentren, die noch freie Kapazitäten haben. Ein Streik ist für dieses Steuerungssystem nur eine weitere Variable, vergleichbar mit anderen Störungen wie überraschendes Glatteis oder ein Maschinenausfall. Die Logistikspezialisten des Konzerns sind geübt darin, solche Zwischenfälle nahtlos auszugleichen.

Doch Ver.di hat mächtige Verbündete. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sympathisiert mit den Forderungen der Gewerkschaft. „Wir sind dafür, dass möglichst viele Beschäftigte nach Tarifverträgen bezahlt werden“, stellte sie in ihrer wöchentlichen Videobotschaft mit Bezug auf den Online-Handel klar.

Amazon blieb trotzdem hart: „Wir sehen für Kunden und für Mitarbeiter keinen Vorteil in einem Tarifabschluss“, hieß es Anfang dieser Woche in einer Firmenmitteilung. Der US-Konzern verteidigt sich auch mit dem Hinweis, mit einem Anfangsgehalt von mindestens 9,55 Euro pro Stunde überdurchschnittlich hohe Löhne an die derzeit rund 9000 Mitarbeiter in den deutschen Logistikzentren zu zahlen und Jobs zu schaffen. 1000 zusätzliche Dauerarbeitsplätze – neben den Saisonjobs – entstünden derzeit am neuen Standort Brieselang bei Berlin, dem neunten Amazon-Zentrum in Deutschland.

Seit Monaten erhöht Ver.di den Druck auf den deutschen Ableger des US-Internetriesen. Mit Warnstreiks und Protesten vor den Werkstoren in Leipzig und Bad Hersfeld versucht die Gewerkschaft, einen Tarifvertrag durchzusetzen. Doch bei den Streiks wurde offenbar, dass der Organisationsgrad unter den Amazon-Mitarbeitern bislang nicht sonderlich hoch ist: Bei ersten Aktionen im April protestierten nur etwa 550 von insgesamt mehr als 3300 Mitarbeitern in Bad Hersfeld für bessere Bezahlung.

Ein Kompromiss liegt in weiter Ferne. Amazon bietet wie bisher informelle Gespräche. Formale Tarifverhandlungen mit Ver.di lehnt die deutsche Amazon-Geschäftsführung ab.