Investition

19 Millionen Dollar für Berliner Start-up

Apple-Investor Sequoia bietet 6Wunderkinder Wachstum und Expansion auf den amerikanischen Markt

Christian Reber gehört nicht zu den Menschen, die kleine Brötchen backen. „100 Millionen Nutzer“, seien das Ziel seines Start-ups 6Wunderkinder, sagt er. Das Unternehmen bietet einen Planer für tägliche Aufgaben im Internet, der für Einzelpersonen kostenfrei ist. Die Pro-Version für Teams kostet monatlich 4,49 Euro. Darüber hinaus gibt es eine Pro-Version für Unternehmen.

Angestrebte 100 Millionen Nutzer – das sind ungefähr halb so viel, wie der Kurznachrichtendienst Twitter in den sieben Jahren seines Bestehens angesammelt hat. Sechs Millionen Nutzer hat Rebers Anwendung bereits – 50.000 davon Geschäftskunden. Doch der Weg zu den hundert Millionen ist nicht mehr so steinig wie noch vor einigen Tagen. Reber hat 19 Millionen Dollar (14,2 Millionen Euro) auf seinem Konto – Ergebnis der jüngsten Finanzierungsrunde. Und er hat einen prominenten Partner: Sequoia, einer der größten Riskokapitalgeber aus dem Silicon Valley. Sequoia hat – gemeinsam mit den Investoren Earlybird und Atomico – zum ersten Mal Geld in ein deutsches Start-up gesteckt. Gewöhnlich geben die Investoren Unternehmen wie Google, Apple und Paypal Kapital – aber nicht einer Firma, die bis vor kurzem noch als Hipsterbude aus Berlin-Mitte galt.

Der Einstieg von Sequoia in die Berliner Gründerszene bedeutet zweierlei: Erstens ist er ein Zeichen für die Reife des Ecosystems, in dem bisher im besten Fall Investoren aus der zweiten Reihe der Risikokapital-Liga investierten. Zweitens sagt er etwas über den Wandel der Berliner Gründerszene im Allgemeinen und 6Wunderkinder im Besonderen aus.

Die Berliner Start-up-Szene gerät in den internationalen Fokus. Das zeigt die Initiative des Branchenportals TechCrunch, das kürzlich in Berlin die Tech-Konferenz „Disrupt Europe“ ausrichtete. Ein weiteres Indiz ist die Anwesenheit von IT-Prominenz. Vergangene Woche Microsoft-Chef Steve Ballmer, diese Woche Bill Gates, Gründer dieses Unternehmens, der einen zweistelligen Millionenbetrag in das Berliner Start-up Researchgate gesteckt hat.

Ein weiteres Beispiel ist die Fußball-App iLiga: Eine Investorengruppe unter Führung von Union Square Ventures investierte fünf Millionen Euro in das 2008 in Berlin gegründete Unternehmen Motain, das iLiga entwickelt. Union managt vier Fonds mit einem Gesamtvolumen von 650 Millionen Dollar und steckte auch Geld in Twitter.

Berlin wird für die erste Liga der IT-Branche salonfähig, was vor allem mit dem Wachstum des Ecosystems zu tun hat, mit der Ernsthaftigkeit und der Entschlossenheit seiner Gründer und der Reputation ihrer Unternehmen. Es scheint, als habe die Szene ihre Pubertät hinter sich gelassen – die Zeit, als es Hollywood-Größen wie Ashton Kutcher gefiel, ein paar Millionen Dollar in Berlin fallen zu lassen und die Szene damit in Ekstase zu versetzen – für die Bewertungsplattform Amen, eine gute Idee mit schickem Design, aber niedriger Akzeptanz. Kutcher hatte vielleicht gedacht, Berlin sei New York oder Los Angeles. Dort wäre das Amen-Konzept vielleicht aufgegangen.

Genau das ist der Plan der letzten verbliebenen namhaften Unternehmen mit Hipster-Image in Berlin – SoundCloud und 6Wunderkinder. Der Audiostreamingdienst Soundcloud hatte bereits im Mai die Eröffnung eines Büros in New York angekündigt. Und jetzt zieht 6Wunderkinder nach und startet von Palo Alto aus die Amerika-Offensive. Beide Start-ups wissen, dass sie nur mit einem stabilen Standbein in den USA wachsen können. „Denn die Amerikaner sind bereits, für eine Leistung Geld zu bezahlen“, sagt Reber. „30 Prozent unserer Bezahl-Kunden haben wie in den USA.“ Und: „Deutschland ist unser zweitwichtigster Markt.“ Hierzulande ist es ungleich schwerer, Kunden zum Abonnement einer App wie die Wunderlist von 6Wunderkinder zu überzeugen – und sei sie noch so trendy gestaltet, was man ihr nicht absprechen kann.

Doch nicht nur das: Reber sieht sein Unternehmen auch in einer möglichen strategischen Allianz mit erfolgreichen Plattformen in den USA – Dropbox und Evernote – beides übrigens Unternehmen, in die ebenfalls Sequoia investiert hat. Das sei sogar ein Argument für diesen Investor gewesen, sagt er. Reber sieht Wunderlist, Dropbox und Evernote nicht als Konkurrenten. Im Gegenteil: „Meine Daten speichere ich in der Dropbox, Notizen in Konferenzen mache ich auf Evernote. Und mein Unternehmen führe ich mit Wunderlist“, sagt er.