Datenmissbrauch

Firmen wird das Sammeln von Kundendaten unheimlich

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Thomas Heuzeroth

Zwei Drittel aller Manager sehen mehr Risiken als Chancen für die Verbraucher

Kundendaten zu sammeln ist für viele Firmen wichtig: So lassen sich Angebote besser auf die Käufer abstimmen und zielgerichteter bewerben. Allerdings sehen die Topmanager deutscher Unternehmen das Sammeln und Auswerten von Kundendaten in der derzeitigen Form überwiegend kritisch. Zwei Drittel aller Manager glauben, die Praxis biete mehr Risiken als Chancen für die Verbraucher, wie aus einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach unter 514 Führungskräften mittlerer und großer Firmen in Deutschland hervorgeht.

So gaben diese Führungskräfte an, dass sie die Gefahr von Datenmissbrauch höher einschätzen als die mögliche Chance, dass Kunden besser über Produkte oder Dienstleistungen informiert werden. Besonders groß ist die Skepsis unter Führungskräften aus der Industrie. Aber auch in den Bereichen Dienstleistungen und Handel, wo naturgemäß mehr Kundenkontakt herrscht und Daten gesammelt werden, sehen mehr als die Hälfte der Manager die derzeitige Lage kritisch. Auch die notwendige Transparenz wird gemeinhin bemängelt.

65 Prozent der befragten Führungskräfte sehen es als nicht ausreichend an, wie Unternehmen ihre Kunden über die Speicherung und Verwendung ihrer Daten informieren. Zudem hält es die Wirtschaft für nötig, strengere Richtlinien für die Speicherung und Verwendung von Kundendaten zu schaffen: Gut 60 Prozent der Führungskräfte in Unternehmen plädieren dafür. Die Studie, die im Auftrag von T-Systems, der IT-Tochter der Deutschen Telekom, entstanden ist, wurde auf dem Cyber Security Summit vorgestellt, den Deutsche Telekom und Münchener Sicherheitskonferenz ausrichteten.

Der Allensbach-Studie zufolge befindet sich die deutsche Wirtschaft unter Dauerbeschuss. Fast jedes zweite Unternehmen wird demnach monatlich mit dem Ziel attackiert, es auszuspionieren oder zu schädigen. Zwölf Prozent registrieren demnach sogar tägliche Angriffe. Die Telekom ermittelt selbst ständig die Angriffe auf ihre Netze, in denen sie sogenannte Honeypots, Honigtöpfe, ausgelegt hat, um die Intensität zu messen. Dies sind beispielsweise Smartphones mit Sicherheitslücken. Die Zahl der Angriffe hat sich nach Angaben der Telekom im vergangenen Jahr verdoppelt, auf 800.000 Attacken – täglich.

Arne Schönbohm, Präsident des Cyber-Sicherheitsrates, der Unternehmen und Behörden berät und bei der Bonner Konferenz dabei ist, sieht Wirtschaftsspionage als eine der größten Gefahren. Wobei man Cyberkriminalität oft nicht erkenne, wie er im RBB-Inforadio sagte. Und die Frage nach der Größe des Schadens sei sehr kompliziert: „Wenn ich Entwicklungsergebnisse stehle, dann kann ja das Unternehmen in der Regel normal weiterarbeiten, weil ich sie nur kopiert habe. Wie groß ist also der Schaden?“ Klar sei jedenfalls, sagt der Sohn des ehemaligen brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm (CDU): „Die organisierte Kriminalität verdient bereits seit 2009 mehr Geld im Bereich der Cyberkriminalität als mit Drogen.“

Obwohl das Bewusstsein für die Risiken vorhanden ist, gibt es aber noch nicht einmal in jedem zweiten Unternehmen einen Notfallplan für Cyberangriffe, wie die Allensbach-Umfrage zeigt. Grundsätzlich gilt: Je kleiner das Unternehmen, desto seltener gibt es einen solchen Plan. Noch selbst dort, wo es einen Notfallplan gibt, steht er offenbar oft nur auf Papier. Fast acht von zehn Unternehmen haben noch nie einen Cyberangriff simuliert. Nur neun Prozent der Unternehmen haben bereits mehrmals eine Krisenübung durchgeführt. Dabei sehen 57 Prozent der Befragten eine große oder sehr große Gefahr im leichtfertigen Umgang von Mitarbeitern mit Daten und Sicherheitsstandards.

Telekom-Chef René Obermann bezeichnete bei der Bonner Konferenz die Internet-Überwachung durch den US-Geheimdienst NSA als freiheitsfeindlich. „Freiheit bedeutet auch, ein gewisses Maß an Unsicherheit zu tolerieren.“ Er forderte „eine große Koalition“ für Vertrauenswürdigkeit und Internet-Dienste, bei denen die Daten europäische Grenzen nicht verlassen. Die Briten, die ebenfalls das Internet überwachen, will er ausschließen. Obermann sprach sich zudem dafür aus, das Datenschutzabkommen mit den USA neu zu verhandeln. Ihm sei die Grundlage entzogen worden. Er kündigte an, die Telekom werde sich verstärkt um sichere Kommunikation in Deutschland kümmern.

( mit art/dpa )