Verkehr

Im Rekordtempo von Berlin nach Kopenhagen

Die neue Vogelfluglinie: 17,6 Kilometer langer Tunnel unter dem Fehmarnbelt soll mehr Güter auf die Schiene bringen

Wenn in Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt Kiel ein Baugenehmigungsverfahren eröffnet wird, lässt das im 363 Kilometer entfernten Berlin nicht unbedingt jemanden aufhorchen. Doch dem rund 10.000 Seiten umfassenden Planfeststellungsantrag, den die dänische Projektgesellschaft Femern A/S vergangenen Freitag im dortigen Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr eingereicht hat, ergeht das anders. Ist doch der Antrag ein entscheidender Schritt für ein Vorhaben, das weitreichende Folgen auch für die Hauptstadtregion haben wird: Die Femern A/S will einen knapp 18 Kilometer langen Auto- und Eisenbahntunnel errichten, der Puttgarden auf Fehmarn in Deutschland mit Rødby auf Lolland in Dänemark verbindet und damit die unter dem Namen „Vogelfluglinie“ bekannte Fährverbindung überflüssig macht. Baubeginn soll nach heutigem Planungsstand im Sommer 2015 sein, die Eröffnung des Tunnels ist für Ende 2021 angekündigt.

„Die feste Fehmarnbeltquerung wird zur schnellsten Verbindung zwischen Berlin und dem Großraum Kopenhagen/Malmö, einer der am stärksten wachsenden Wirtschaftsregionen in Europa“, sagt Ingulf Leuschel, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für die Bundeshauptstadt. Vor allem dem Güterverkehr böte die neue Trasse erhebliches Potenzial, Transporte von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Bereits heute fahren zwischen Europas größtem Güterbahnhof, Hamburg-Maschen, und dem südschwedischen Malmö mehr als 250 Güterzüge pro Woche – derzeit aber noch über die weitaus längere Strecke über Flensburg, Jütland und Fünen.

Die Deutsche Bahn, die über ihre Tochter DB Schenker fast den gesamten Schienengüterverkehr in Dänemark managt, geht davon aus, dass sich ein erheblicher Teil der Transporte künftig über die kürzere Route über Lolland und Seeland abwickeln lässt. Nach den gemeinsamen deutsch-dänischen Prognosen wird sich die Zahl der Güterzüge von derzeit 40 auf 78 fast verdoppeln, die Zahl der Personenzüge von 30 auf 40 pro Tag erhöhen. Grund dafür sind die erheblichen Zeitgewinne, die eine feste Querung des knapp 20 Kilometer breiten Fehmarnbelts ermöglicht.

Attraktiv für Touristen

Statt wie aktuell in viereinhalb Stunden können die Züge die Strecke Hamburg–Kopenhagen dann in drei Stunden zurücklegen, die Fahrzeit von Berlin nach Kopenhagen könnte sich gar von siebeneinhalb auf viereinhalb Stunden reduzieren. Attraktiv auch für die zuletzt stark gestiegene Zahl von Touristen, die einerseits Berlin und Potsdam, andererseits Kopenhagen und Südschweden besuchen. „Berlin liegt als Tourismusziel bei den Dänen ganz weit vorn“, weiß Leuschel. Er ist überzeugt, dass die Bahn mit einer Fahrzeit von unter fünf Stunden nach Kopenhagen und von höchstens 5,5 Stunden nach Malmö eine echte Alternative zum Flugzeug und zum Auto wird.

Die Idee, mit einer Brücke oder einem Tunnel den Fehmarnbelt zu überwinden, ist mehr als 150 Jahre alt. Sie lebte in den 1940er-Jahren auf, als das nationalsozialistische Deutschland mit seinen Truppen Dänemark besetzte. Als erster Schritt wurde eine Brücke über den Fehmarnsund geplant, der die Insel Fehmarn vom Festland trennt. Gebaut wurde die kombinierte Eisenbahn- und Autobrücke jedoch erst Mitte der 1960er-Jahre als Teil der „Vogelfluglinie“, die als Alternative zu den Fährverbindungen von Rostock und Sassnitz nach Gedser und Trelleborg entstand. Denn die traditionellen Handelswege zwischen Deutschland und Skandinavien führten nach dem Mauerbau plötzlich über DDR-Gebiet.

Im Schienenverkehr haben sich die Routen zwischen Mittel- und Nordeuropa inzwischen stark verlagert. Die Hauptverkehrsströme fließen immer stärker durch das Rhein-Ruhr-Gebiet und über Hamburg, den wichtigsten Güterverkehrsknoten Deutschlands.

„Berlin hat kaum noch produzierendes Gewerbe und daher kein großes originäres Güteraufkommen“, sagt der Bahnbevollmächtigte Leuschel. Dennoch können Berlin und die Hauptstadtregion von einer schnelleren Verbindung nach Skandinavien profitieren. Was wiederum mit einem anderen Großprojekt zusammenhängt. Denn bis 2017 will die Deutsche Bahn die schnelle Verbindung von Berlin über Halle/Leipzig und Nürnberg nach München fertiggestellt haben. Weniger als vier Stunden werden dann die ICE von der Bundeshauptstadt bis in die bayerische Landesmetropole benötigen.

Um das erhoffte größere Verkehrsaufkommen überhaupt aufnehmen zu können, muss die 88 Kilometer lange Bahnstrecke zwischen Lübeck und Puttgarden ausgebaut und elektrifiziert werden. Rund 800 Millionen Euro sind dafür kalkuliert, woher das Geld kommen soll, ist bislang unklar. Nicht eingerechnet ist der Ersatz der vor 50 Jahren eröffneten Fehmarnsundbrücke. Während die Dänen ihren Bauantrag gestellt haben, sind die Auseinandersetzungen über den deutschen Projektbeitrag noch in vollem Gange.