Bildung

100.000 wollen im Internet studieren

Online-Vorlesungen sind die Revolution auf dem Bildungsmarkt. Nach dem Potsdamer Hasso-Plattner-Institut startet nun iversity

Sie sitzen nicht im Hörsaal, sie sitzen am PC: Die Studenten der Internet-Plattform iversity. Am Dienstag startet das Bernauer Bildungs-Website die ersten sechs Online-Vorlesungen. Massive Open Online Courses heißt dieses spezielle, interaktive Studien-Format im Netz -– oder kurz: Moocs.

Insgesamt umfasst der Stundenplan zum Start des Angebots 24 universitäre Online-Kurse von Professoren aus dem In- und Ausland. Die Plattform iversity ist damit nach eigenen Angaben aus dem Stand schon größer als die Fernuniversität Hagen und doppelt so groß wie die Mooc-Plattform des Potsdamer Hasso-Plattner-Instituts unter dem Namen openHPI.

Einige der Moocs auf iversity verzeichnen bereits vor ihrem Start fünfstellige Anmeldezahlen. Die drei beliebtesten und größten Moocs sind zur Zeit „The future of storytelling“ („Die Zukunft des Geschichtenerzählens") von der Fachhochschule Potsdam mit mehr als 20.000 Anmeldungen, „Public privacy, cyber security and human rights“ („Öffentliche Privatsphäre, Internet-Sicherheit und Menschenrechte“) von der Humboldt Viadriana School for Governance Berlin mit mehr als 13.000 Anmeldungen und „Design 101“ von der Academia de Belle Arti Catania mit ebenfalls mehr als 13.000 Anmeldungen.

Marcus Riecke, einst Mitglied der Geschäftsführung von AOL Europe und des Europavorstands von eBay, sieht das Brandenburger Start-ups iversity schon jetzt als führende Mooc-Plattform in Europa. „Darüber hinaus haben wir gezeigt, dass Moocs und Online-Lehre für die Zukunft der Universitäten und Hochschulen in Deutschland und Europa ebenso relevant und revolutionär sind, wie in den USA, wo das Mooc-Phänomen entstanden ist“, sagte Riecke.

Dort bot Professor Sebastian Thrun, der an der renommierten Stanford University in den USA lehrte, im Herbst 2011 seine Vorlesung „Einführung in die künstliche Intelligenz“ frei zugänglich im Internet an. Mehr als 160.000 Studierende aus mehr als 190 Ländern schrieben sich für dieses Angebot ein, 23.000 erwarben im Anschluss das erforderliche Zertifikat. Dieser Erfolg motivierte Thrun, das Start-up „Udacity“ zu gründen, das seitdem Online-Lehrveranstaltungen anbietet. Geldgeber ließen nicht lange auf sich warten: Andreessen Horowitz investierte im Oktober vergangenen Jahres 15 Millionen US-Dollar in das Projekt. Auch die Brandenburger iversity konnten starke Unterstützer von sich überzeugen: Mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat Riecke einen renommierten Partner gefunden und mit der Deutschen Telekom einen potenten Investor.

Die Moocs-Kurse sind keine abgefilmten Vorlesungen, wie es sie als Video-Podcasts schon seit Jahren im Internet gibt. Es sind vielmehr in kleine Häppchen zerlegte Vorlesungen, die mit einem Quiz enden. Hat der Zuschauer die Fragen richtig beantwortet, folgt die nächste Wissenseinheit. Die Studierenden haben die Gelegenheit, sich wie in einem sozialen Netzwerk online auszutauschen, Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Am Ende des Semesters folgt ein Online-Examen mit Multiple-Choice-Fragen, bei dem die Kursteilnehmer ein Zertifikat erwerben können. Die Massive Open Online Courses sind zunächst kostenfrei buchbar. Für die Abschlussexamen fallen aber Gebühren an, die von den Studierenden zu entrichten sind.

Deutsche Pioniere in Potsdam

Diese Art des Lernens breitet sich in den USA rasant aus. Immer neue Universitäten versuchen sich auf diesem Feld. Thomas L. Friedman, Kolumnist der New York Times, bezeichnet Moocs als eine Revolution, die Universitäten erfasst. Sein Kollege David Brooks spricht gar von einem Campus-Tsunami.

Auch in Deutschland entwickelt sich diese neue Studienmöglichkeit von einem Nischenangebot zu einem Massenphänomen. So sammelt auch die Münchner Ludwig-Maximilians-Univerisität erste Erfahrungen mit den Online-Vorlesungen.

Auch das Potsdamer Hasso-Plattner-Institut ist mit seinen kostenlosen offenen Onlinekursen in deutscher und englischer Sprache auf www.openhpi.de schon seit September 2012 am Markt. Dort bewegt sich die Zahl der Online-Studierenden aus aller Welt mittlerweile auf 50.000 zu.

17 Prozent der Studierenden schließen in Potsdam mit einem Zertifikat ab, wie der Institutsdirektor, Professor Christoph Meinel, erklärte. Bei einzelnen Kursen habe die Erfolgsquote sogar bis zu 23 Prozent betragen. Vor allem unter den 40- bis 50jährigen sei die Zertifikatsquote hoch. „Moocs sind also kein Jugendphänomen, sondern ein wichtiger Beitrag zum komfortablen lebenslangen Lernen von Berufstätigen“, sagte der Potsdamer Informatikwissenschaftler zum Abschluss des ersten Studienjahres im August 2013. Amerikanische Anbieter hingegen berichteten über Abschlussraten, die im einstelligen Prozentbereich liegen, so der HPI-Direktor.

Wer an offenen Onlinekursen teilnimmt, hat auch ein reges Interesse am Austausch mit anderen Studierenden und Lehrenden: Durchschnittlich registriert das openHPI-Team jeweils rund 2900 Diskussionsbeiträge pro Kurs. „Diese Diskussionen sind gewissermaßen das Herzstück und machen unsere Kurse zu einmaligen Lern-Erlebnissen“, so Meinel.