Gesundheit

Aus der Qualm

Ekelbilder auf Zigaretten-Schachteln, Verbote für Aromen und Zusatzstoffe: Die EU vermiest Europäern das Rauchen

Sonnabendabend in einer Studentenkneipe: Der Raucherraum ist gut gefüllt. Zwei junge Frauen gehen von Tisch zu Tisch, jede bepackt mit einer großen Tasche und einem iPad. Sie werben für eine Zigarettenmarke und deren neues Produkt – ohne Zusatzstoffe wie beide versichern – und bieten kostenlose Probepackungen an. Lediglich eine Registrierung für die Datenbank des Tabakherstellers ist dafür notwendig, gemeinsam mit einem kurzen Fragebogen zu den Lieblingsmarken des Rauchers. Wer sich registrieren lässt, erhält ein Päckchen geschenkt – hübsch bedruckt mit einem weißblauen Logo, das den Warnhinweis „Rauchen kann tödlich sein“ zur Nebensache macht.

Doch die ansprechende Verpackung von Tabakprodukten könnte fortan Geschichte sein. Das EU-Parlament stimmte am Dienstag einem Gesetz zu, wonach auf Zigarettenpackungen künftig Schockfotos mit Raucherlungen, vergammelten Zähnen oder Krebstumoren und Amputationen zu sehen sein werden, um vor allem junge Menschen vom Rauchen abzuhalten. Demnach sollen Zigarettenpackungen künftig zu 65 Prozent mit Warnhinweisen und abschreckenden Illustrationen bedeckt sein. Aktuell sind es auf der Vorderseite 30 und auf der Rückseite der Packungen 40 Prozent. Geplant ist zudem eine strengere Regelung der derzeit bis zu 700 Zusatzstoffe in Zigaretten. Gleichzeitig wird es nach Maßgabe der EU-Politiker eine Positivliste für erlaubte Zusatzstoffe geben, besonders gefährliche Substanzen sollen dagegen verboten werden.

E-Zigaretten weiter am Kiosk

Außerdem sollen bei jungen Menschen beliebte Geschmacks- und Aromastoffe wie „Schokolade“ oder „Menthol“ aus Zigaretten verbannt werden. E-Zigaretten sollen indes nicht als Arzneimittel eingestuft werden – dann hätten sie in Deutschland nicht mehr am Bahnhofskiosk verkauft werden können, sondern nur in der Apotheke. Nun sollen die Nikotin-Verdampfer weiterhin auch am Bahnhofskiosk zu haben sein.

Der Verkauf von Zigaretten über das Internet soll nicht mehr erlaubt sein. Wichtig ist Brüssel, dass jede Zigarettenpackung „nachverfolgbar“ ist, um den Zigaretten-Schwarzmarkt einzudämmen.

Die EU-Staaten hatten sich bereits im Juni auf schärfere Regeln für Tabakprodukte geeinigt. Nun werden Unterhändler des Parlaments mit Vertretern der Mitgliedstaaten über noch strittige Details verhandeln. Nach der endgültigen Verabschiedung haben die Regierungen zwei Jahre Zeit, um die Richtlinie in nationales Recht umzusetzen. Mit einem Inkrafttreten der Neuregelung wird daher nicht vor 2016 gerechnet.

Die Tabakindustrie lehnt die Pläne ab und beklagt einen zu tiefen Eingriff in die Freiheit der Konsumenten. Die Betriebsräte der deutschen Zigarettenindustrie befürchten als Folge der geplanten EU-Regeln gar den Verlust Tausender Arbeitsplätze. Die Betriebsratsvorsitzenden von British American Tobacco, Reemtsma, Philip Morris und anderen Produzenten kritisierten die Richtlinie. Schärfere Warnhinweise seien nicht geeignet, Jugendliche vom Rauchen abzuhalten.

Befürworter verweisen dagegen auf die großen Gesundheitsgefahren durch das Rauchen und die Kosten für die Allgemeinheit. Weltweit sterben jährlich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sechs Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. Innerhalb der Europäischen Union sind es schätzungsweise 700.000 Menschen. Tabakkonsum ist damit das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko. Die Zahlen sprechen für sich: Denn knapp die Hälfte aller Raucher stirbt im Schnitt 14 Jahre früher als Nichtraucher. Die durch den Tabakkonsum verursachten gesundheitlichen Folgen wie Krebs, Herz-/Kreislauf- und Atemwegserkrankungen sind noch dramatischer als die Folgen von Alkohol, Drogen, oder Übergewicht. Allein die Behandlung von Krankheiten im Zusammenhang mit dem Rauchen verursacht jährlich Kosten von rund 25 Milliarden Euro.

Doch die bereits geltenden Raucherschutzgesetze innerhalb der europäischen Länder zeigen Wirkung. Zwar rauchen noch immer 28 Prozent der Europäer, doch haben Gesundheitsexperten der EU errechnet, dass die Zahl der Raucher künftig jedes Jahr um 2,4 Millionen zurückgehen wird – unter anderem dank stärkerer Anti-Raucher-Kampagnen und Gesetzesinitiativen.

Zahl der Raucher steigt weltweit

Ein Trend, der weltweit nicht zu erwarten ist. Die Anzahl der Konsumenten von Zigaretten wächst aufgrund wegen der steigenden Bevölkerungszahl weiter – im Jahr 2030 werden nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) rund zwei Milliarden Menschen rauchen. Auch der Zigarettenkonsum steigt weiter. Nach Angaben des Tabak-Atlas der Welt-Lungen-Stiftung und der Amerikanischen Krebsgesellschaft wurden allein 2009 weltweit 5,9 Billionen Zigaretten geraucht. Das sind 13 Prozent mehr als noch ein Jahrzehnt zu vor. Der Anteil der täglich weltweit konsumierten Zigaretten liegt demnach in Gesamteuropa bei 24 Prozent.

Knapp die Hälfte des Tabaks wird jedoch in den westlichen Pazifikländern konsumiert – allen voran China. 38 Prozent der Zigaretten werden dort geraucht. Danach folgen in der Statistik Russland, USA, Indonesien und Japan. Dabei sind die Restriktionen für Raucher in diesen Ländern nicht wirklich vergleichbar. Während in den USA jeder Bundesstaat eigene Regelung treffen darf und diese zum Teil ähnlich restriktiv sind wie in Europa, haben die Nichtraucherinitiativen in China eher symbolischen Wert. Dort ist seit 2011 lediglich das Rauchen auf öffentlichen Plätzen verboten.

In Russland war das Rauchen bis Mitte dieses Jahres sogar noch in städtischen Verkehrsmittel wie Bussen erlaubt. Erst im Juni verabschiedete die Regierung ein Gesetz, dass das Qualmen in öffentlichen Gebäuden weitestgehend untersagt. Mindestens die Hälfte von 44 Millionen Rauchern soll so zur Abstinenz gezwungen werden. Doch der Weg bis dahin ist noch weit. Zumindest solange es dort die Schachtel Billigzigaretten schon für umgerechnet 50 Cent gibt.