Verkehr

Warum sich die Bahn über sinkende Kupfer-Preise freut

Zahl der Diebstähle von Buntmetall ist im ersten Halbjahr 2013 gesunken. Verdeckte Ermittler jagen für Unternehmen und Polizei die Täter

Die Deutsche Bahn (DB) und die Bundespolizei verzeichnen erste Erfolge im Kampf gegen Metalldiebe. In Berlin und Brandenburg ging die Zahl der Fälle im ersten Halbjahr 2013 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als zehn Prozent zurück. Von Januar bis Juni ermittelte die Bundespolizei in 447 Fällen (Vorjahr 499). 98 mutmaßliche Täter konnten dingfest gemacht werden. Das teilten Jochen Grimmelt, Leiter der DB-Konzernsicherheit in Ostdeutschland, und Peter-Michael Kessow, Vizepräsident der Bundespolizeidirektion Berlin, am Montag mit.

Trotz des Rückgangs bleiben Metalldiebe eines der größten Probleme für das bundeseigene Verkehrsunternehmen. Der wirtschaftliche Schaden geht in die Millionen. Allein den Wert des gestohlenen Metalls beziffert die Bahn bundesweit auf 17 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Für Berlin und Brandenburg sprach Grimmelt von einen „einstelligen Millionenbetrag“. Doch das ist nur der kleinere Teil des tatsächlichen Schadens. Reparaturkosten, Personaleinsatz, Straf- und Entschädigungszahlungen für Ausfälle und Verspätungen kommen hinzu. Allein im ersten Halbjahr 2013 fuhr die DB nach Metalldiebstählen bundesweit mehr als 61.000 Verspätungsminuten ein, im gesamten Jahr 2012 waren es 240.000.

Täter bandenmäßig organisiert

Die Diebe haben es vor allem auf Kupfer – etwa in Signal- und Erdungskabeln – abgesehen. Auch Bauteile aus Aluminium- und Bronze zählen zu ihrer bevorzugten Beute. Die Preise für diese sogenannten Buntmetalle waren auf dem Weltmarkt in den vergangenen Jahren teilweise stark gestiegen und sind erst zuletzt wieder leicht gesunken. Nach Erkenntnissen der Bundespolizei ist der Diebstahl teilweise bandenmäßig organisiert. Oft kommen die Täter aus Osteuropa. Auch wegen der Grenznähe zählt die Region Berlin-Brandenburg neben Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und dem Ruhrgebiet zu den bundesweiten Brennpunkten. Entgegen dem allgemeinen Trend schlugen Metalldiebe im Bereich der Bundespolizeiinspektion Ostbahnhof, zuständig vom Osten Berlins bis etwa 30 Kilometer vor der deutsch-polnischen Grenze, in diesem Jahr sogar häufiger zu. Von Januar bis August zählten die Ermittler dort 276 Fälle. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es nur 214. Zum Vergleich: Bundesweit sank die Zahl der Fälle im ersten Halbjahr 2013 um etwa 40 Prozent.

Auf der Jagd nach den Dieben setzen Bahn und Bundespolizei auf Hightech wie künstliche DNA (siehe Info), Aufklärung und immer wieder auf gezielte Schwerpunktmaßnahmen – auch gemeinsam mit anderen häufig Betroffenen wie der Telekom oder dem Energieversorger Vattenfall. Bei den „Aktionstagen Ost“ vom 30. September bis zum 2. Oktober waren in und um Berlin etwa 150 Bundespolizisten im Einsatz gegen Metalldiebe, dreimal so viele wie üblich. Hubschrauber mit Wärmebildkameras kreisten über den Brennpunkten, auch verdeckte Ermittler in zivil waren im Einsatz – und sie konnten am frühen Montagmorgen vergangener Woche an einer Bahnstrecke nahe Schöneweide zwei mutmaßliche Täter auf frischer Tat ertappen. Die Männer und ihr Auto waren der Polizei bereits bestens bekannt. Als das Fahrzeug in der Nähe der Bahntrasse im Südosten Berlins gesichtet wurde, legten sich die Beamten auf die Lauer. Und hatten Erfolg.

Dass es sich um Wiederholungstäter handelte, ist kein Einzelfall. „Die Diebe sind teilweise rotzfrech“, sagte Bundespolizei-Vize Kessow am Montag. Viele zeigten sich völlig unbeeindruckt von bereits gegen sie laufenden Ermittlungen. Beamte erzählen von Fällen, in denen besonders dreiste Diebe sogar am hellen Tag und hochprofessionell ausgestattet auf Klautour gingen. Mit einem als Firmenfahrzeug einer Baufirma getarnten Lkw, gefälschten Aufträgen und Genehmigungen rückten sie an Bahnbaustellen an.

Doch nicht immer sind es vermeintlich organisierte Banden aus Osteuropa, die dem Kupfer in den Kabeln zu Leibe rücken. „Manchmal sind es Jugendliche, die den nächsten Diskobesuch finanzieren wollen“, sagt ein Beamter. Auch Rentner oder arme Menschen seien unter den Ertappten. Bekannt wurde ein Fall aus dem Südosten Brandenburgs, bei dem eine ganze Familie auf Diebestour an einer Bahntrasse ging. Vater und Sohn schnitten Kabelstücke heraus, die Mutter wartete im Fluchtauto.

Um den Dieben das Handwerk zu legen, kooperieren Bahn und Bundespolizei eng mit anderen Betroffenen. Inzwischen sind elf Unternehmen, darunter die Telekom, Vattenfall, Thyssen Krupp und RWE, in einem Bündnis gegen Metalldiebstahl zusammengeschlossen. Auch der Verband Deutscher Metallhändler ist seit 2012 beteiligt. Während organisierte Banden ihre Beute oft über die Grenze zu schaffen versuchen, gehen vor allem Gelegenheitstäter oft zum lokalen Schrotthändler. Schwarze Schafe unter den Händlern machen sich im Zweifel der Hehlerei schuldig.

Die Bahn ersetzt nach und nach außerdem das teure Kupfer – dort, wo es technisch möglich ist – durch Eisen oder Stahl. Denn trotz aller Ermittlungserfolge ist es vor allem der Wert des Metalls, der die Entwicklung der Straftaten beeinflusst. Der Kupferpreis hatte Anfang 2011 mit über 10.000 Dollar je Tonne eine Rekordhöhe erreicht. Die Zahl der Diebstähle schnellte rasant in die Höhe. In diesem Jahr kostete Kupfer wieder unter 7000 Dollar.