Unternehmen

Die wahren Schwachstellen bei Siemens

Der deutsche Industriekonzern steckt in einem schmerzhaften Umbau. Dabei steht jede einzelne Sparte vor einer besonderen Herausforderung

Dem neuen Siemens-Chef wird das Geld fast schon nachgeworfen. Als Joe Kaeser zusammen mit seinem neuen Finanzvorstand in dieser Woche eine Umschichtung der Kreditlinien von Deutschlands größtem Technologiekonzern vornahm, bekamen sie 5,7 Milliarden Euro angeboten. Das ist fast doppelt so viel, wie sie brauchten. Der klare Vertrauensbeweis an den Finanzmärkten zeigt, dass Kaeser zwei Monate nach seinem Amtsantritt noch eine gute Visitenkarte hat. Der Aktienkurs ist gestiegen und die Analystenschätzungen optimistisch. Doch das schöne Bild hat auch Kratzer und der Erwartungsdruck steigt. Seit Wochen wird an den Finanzmärkten und in der Branche spekuliert, wie Kaeser Deutschlands größte Ingenieurfirma mit Technikpannen umbauen könnte.

Schon werden hinter den Kulissen die Erwartungen gedämpft, Kaeser könnte beim Treffen der Top-Manager Mitte Oktober in Berlin oder bei der Vorlage der Jahreszahlen am 7. November im Detail sagen, wohin die Reise geht. Die Botschaft werde vermutlich eine Mischung aus Beruhigungsformeln und Aufbruchstimmung sein, eben typisch Siemens, für jeden etwas, heißt es bei Analysten.

Dass der Konzern margenstärker und wieder zuverlässiger werden muss, hat Kaeser bereits betont. Die Ablösung seines Vorgängers Peter Löscher hatte zwar viele Ursachen. Im Mittelpunkt stand aber das Eingeständnis des Österreichers, das Margenziel von zwölf Prozent Umsatzrendite bis Herbst 2014 nicht zu erreichen. Damit wird der Abstand zu den Dauerrivalen General Electric und ABB wieder größer. Das war nicht akzeptabel. Hinzu kommen kostspielige und imageschädliche Pannen bei Technik-Renommierprojekten.

Probleme durch Wachstumskurs

Die Besonderheit der aktuellen Lage sei, dass die Probleme eine Folge des zuletzt forcierten Wachstumskurses seien. „Es hätte genügt, wenn wir in kleinen Schritten die neue Technologie der Offshore-Windkraftanlagen angegangen wären. Statt dessen wurden mehrere Großprojekte in die Bücher genommen. Das kostete zu viel Lehrgeld“, heißt es bei Insidern. Diese Zusatzkosten knabbern an der Rendite und werfen den Konzern im internationalen Vergleich zurück.

Der Chef der größten Siemens-Sparte Energie, Michael Süß, schwärmte jüngst davon, dass er dem großen Konkurrenten General Electric in Saudi-Arabien Riesenaufträge für Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerke wegschnappte. „Wir gewinnen mit unserer Technologie“, sagt der Chef angesichts von 27 Milliarden Euro Umsatz. Dabei liegen die Probleme vor der Haustür in der Nordsee mit Verzögerungen beim Anschluss von Windkraftanlagen. Inzwischen gibt es Fortschritte. Die Analysten von J.P. Morgan stufen die Energiesparte mit rund 86.000 Beschäftigten und einer Umsatzrendite von 9,3 Prozent knapp unter der internationalen Führungsspitze ein. Spartenchef Süß sieht als Vorteil, dass Siemens in allen großen Energiemärkten eigene Produktionsstandorte hat.

Die Sparte Infrastruktur & Städte ist praktisch der Gemischtwarenladen von Siemens. Die Palette reicht von der Zugsparte über Energieautomatisierung bis hin zur Gebäudetechnik. Entsprechend variantenreich sind in der Sparte mit rund 18 Miliarden Euro Umsatz auch die Ergebnisse. So schreibt das Eisenbahngeschäft rote Zahlen, weil Verzögerungen und Zulassungsprobleme beim ICE und Eurostar zu mehreren Hundert Millionen Sonderkosten führten. Ein Sonderprogramm „Rail on Track“ soll den Eisenbahnbereich wieder auf die Spur setzen. Insgesamt liegt die Sparte mit einer Umsatzrendite von 7,5 Prozent unter der Bandbreite der Branchenführer, die acht bis zwölf Prozent Marge erzielen.

Das Geschäft mit der Gesundheit ist für Siemens in vielfacher Hinsicht eine Vorzeigesparte. Mit einer Umsatzrendite von 18,5 Prozent werden die großen internationalen Wettbewerber übertrumpft. Früher als andere hat Spartenchef Hermann Requardt ein eigenes Kostensenkungsprogramm gestartet, das inzwischen Früchte trägt. Die gute Aufstellung des Geschäftes beflügelt die Fantasie. So geben mehrere Analysten zu bedenken, dass die Sparte mit knapp 14 Milliarden Euro Umsatz auch gut alleine an der Börse notiert sein könnte.

Die Industriesparte ist mit rund 20 Milliarden Euro Umsatz das zweitgrößte Standbein von Siemens. Industrieautomatisierung, Software und Antriebstechnik bilden den Kern – aber auch die größte Angriffsfläche für Konkurrenten. Der Trend geht zu einer immer größeren Bedeutung des Softwareanteils, wobei Produkte von der Entwicklung bis zur Fertigung im gesamten Herstellungsprozess einschließlich der Maschinen geplant werden. Dieser Trend bietet das Einfallstor großer Softwarekonzerne in die Industrieautomation. Siemens verstärkte sich selbst durch den Kauf von Softwarefirmen und Spezialisten für die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation. Noch liegt die Siemens-Sparte mit einer Umsatzrendite von 14,9 Prozent im Mittelfeld der weltweiten Spitzengruppe, deren Rendite zwischen elf und 17 Prozent schwankt.

Kritik an Konzernsteuerung

In den Studien der Analysten tauchen daher aktuell keine grundlegenden Zweifel an der Ingenieurskunst auf. Es wird aber Kritik an der Steuerung und Aufstellung des Konzerns geübt. Analysten von J.P. Morgan sehen als Hauptproblem, dass Aufträge hereingeholt werden, um die Auslastung und damit Arbeitsplätze zu sichern. Zudem sollte die Planung und Steuerung nicht von oben herab erfolgen. Es sei ohnehin noch nicht ganz klar, welche Macht der neue Siemens-Chef habe.