Nachfolge

Siemens sucht nach einem neuen Weg

Nach personellen Änderungen an der Spitze treibt der Konzern-Chef Kaeser den Umbau des Unternehmens voran

Kurz nach seinem Amtsantritt am 1. August verkündete der neue Siemens-Chef Joe Kaeser, dass bei dem Konzern „die innere Ordnung“ wieder hergestellt werden müsse. Die Botschaft nach den Chaos-Tagen vor seiner Wahl mit dem Rauswurf von Ex-Siemens-Chef Peter Löscher ging sicher auch in Richtung Aufsichtsrat, der ihn gewählt hat. In das Kontrollgremium kommt jetzt Bewegung. Es ist der zweite Hammerschlag für den größeren Umbau des Konzerns, für den allein in Berlin rund 13.000 Menschen arbeiten.

Nach dem neuen Vorstandschef muss jetzt auch ein Nachfolger für den Ex-Deutsche-Bank-Chef Joseph Ackermann gefunden werden, der vor wenigen Tagen offiziell seinen Rückzug aus dem Aufsichtsrat erklärt hatte. Formal könnte Ackermann bereits bei der Sitzung des Kontrollgremiums am kommenden Mittwoch sein Amt niederlegen.

Verärgert über die Art, mit der sich Siemens von Löscher getrennt hat, tritt der Banker ab. Damit ist der wegen Managementfehlern bei ThyssenKrupp selbst angeschlagene 70-jährige Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme seinen ärgsten Widersacher aus der Finanzwelt los. Das verschafft Cromme zunächst eine Atempause.

Zudem scheidet ein Kontrolleur aus, der den neuen Siemens-Chef Joe Kaeser eigentlich nicht wählen wollte, selbst wenn das offizielle Wahlergebnis dann einstimmig für ihn ausfiel. Nach Ansicht von Siemens-Kennern sind jetzt die Kernfragen, wer für Ackermann als Vertreter der Finanzwelt in den Aufsichtsrat nachrückt und ob Cromme nicht doch vorzeitig bei Siemens abtritt und seinen Vertrag bis 2017 nicht erfüllt. Dieses Szenario ist ein idealer Nährboden für Spekulationen. So sei fraglich, ob der immer wieder als möglicher Cromme-Nachfolger gehandelte Linde-Chef Wolfgang Reitzle tatsächlich kommt.

Klare Ansagen

Wie es weiter heißt, wird für Siemens-Chef Kaeser entscheidend sein, wer ihn künftig kontrolliert, welcher Druck von renditehungrigen Investoren ausgeübt wird und ob der Aufsichtsrat seine Ideen mitträgt. Das Rezept von Löscher, den Konzern mit aller Gewalt kurzfristig auf Wachstum und Rendite zu trimmen, habe zunächst nur zur Verunsicherung im Geschäft und bei der Belegschaft geführt. Die Verantwortlichen kürzten Kosten, stellten Geschäfte zur Disposition oder zum Verkauf und bauten Stellen ab. Wie viele Hundert oder gar Tausend Arbeitsplätze letztendlich wegfallen, ist noch nicht bekannt. Die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern laufen noch. Belegschaft und die IG Metall protestieren seit längerem und legten den Gegenentwurf „Siemens 2020“ vor. Im Mittelpunkt sollten die Menschen und langfristige unternehmerische Entscheidungen stehen.

Offensichtlich sucht Kaeser nun einen Mittelweg. Vor Beschäftigten spricht er derzeit lieber von Werten und Einstellungen zum Geschäft, als von Renditezielen oder Umbauplänen. An die Finanzmärkte ist längst kommuniziert, dass er das Ziel von zwölf Prozent Umsatzrendite bis zum Geschäftsjahr 2014 nicht erreichen wird. Öffentlich sagt er lieber noch nicht, was er vorhat. Mitte Oktober könnte Kaeser auf einem Treffen der weltweit tätigen Siemens-Spitzenmanager in Berlin die grobe Richtung andeuten, mit der er umgestalten will.

Es schimmert bereits jetzt durch, dass Kaeser durchgreifen wird, wenn es nicht nach seinen Vorstellungen läuft. In der Mitarbeiterzeitung hat er erklärt: „Jedem von uns – vom Vorstand bis in die Fabriken und im Vertrieb – überall auf der Welt muss klar sein: Siemens muss bei Siemens wieder über allem stehen.“ Und dann kommt doch noch eine Warnung. Er werde seine Vorstellungen allen unmissverständlich erklären. „Ein Mal, ein zweites Mal, wahrscheinlich auch noch ein drittes Mal. Wer dann nicht mitzieht, muss sich eine andere Firma suchen.“ Das ist eine klare Ansage.

Beobachter sehen daher den Schlüssel in der Führungsmannschaft. Neu in den Vorstand berufen wird bei der Sitzung des Aufsichtsrates am kommenden Mittwoch mit großer Wahrscheinlichkeit der neue Finanzvorstand. Favoriten dafür sind Michael Sen, derzeit Finanzvorstand im erfolgreichen Sektor Medizintechnik, sowie Ralf Thomas, Finanzchef im Sektor Industrie.