Automesse

„Mir geht es gut“

Beim IAA-Auftakt von Volkswagen geht es nicht um Autos sondern den Gesundheitszustand von Ferdinand Piëch

Automessen werden von Volkswagen nach einem Ritual zelebriert. Am Abend vor dem ersten Fachbesuchertag präsentieren die Chefs der zwölf Konzernmarken in großen Hallen außerhalb des Messegeländes ihre neuesten Modelle, dann hält Vorstandschef Martin Winterkorn eine Rede. Schließlich wird die Bühne zur Begutachtung der Autos freigegeben und Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch mischt sich unter die Besucher. Nach wenigen Minuten ist er von einer Traube Menschen umringt und beantwortet eine schier endlose Reihe von Fragen – meist einsilbig, fast ergeben und in aller Regel ohne eine Regung zu zeigen. Doch diesmal war alles anders.

Piëch, wegen seiner lakonischen Auftritte „Mann des Zweiwortsatzes“ genannt, sprach zum Auftakt der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt einige Sekunden. Und als er fertig war, ging er. Eingehängt am Arm seiner Frau Ursula. Es waren nur vier Worte, aber die sorgten an diesem IAA-Vorabend für mehr Gesprächsstoff als jedes Auto: „Mir geht es gut.“ Und weil einige die Anspielung noch nicht verstanden hatten, fügte der 76-Jährige im Weggehen hinzu: „Ich bleibe Ihnen noch mindestens so lange erhalten, wie mein Vertrag läuft.“ Das wäre bis 2017.

Hinter den Kulissen wird bereits gemunkelt, dass sogar eine Vertragsverlängerung nicht ausgeschlossen sei. Klar, dass man bei Volkswagen alles versucht, eine Nachfolgediskussion im Keim zu ersticken. Denn nichts dürfte mehr Unruhe in den Konzern bringen als das Rätselraten um die Zukunft jenes Mannes, ohne den nichts im VW-Konzern läuft.

Mit Piëchs Statement hätten sich alle Spekulationen über seinen Gesundheitszustand und einen möglichen Wechsel an der Spitze erübrigt, stellte man im Umfeld des Aufsichtsratschefs zufrieden fest und wollte an diesem Abend betont locker zur Normalität übergeben. Doch tatsächlich hat das Spekulieren über die künftige Leitung von Europas größtem Autohersteller gerade erst begonnen.

„Totgesagte leben länger“

Auslöser der Aufregung ist ein Artikel des „Handelsblatts“, in dem über einen anstehenden Abgang Piëchs aufgrund gesundheitlicher Gründe gemutmaßt wurde. Demnach sollte Vorstandschef Winterkorn an die Spitze des Aufsichtsrates wechseln und Finanzvorstand Hans Georg Pötsch Vorstandschef werden. Volkswagen dementierte heftig. Betriebsratschef Bernd Osterloh nannte den Bericht „Quatsch“ und „eine Sauerei“, weil mit derartigen Gerüchten 550.00 Mitarbeiter verunsichert würden. Piëch indes, und auch das ist ungewöhnlich, antwortete auf den Artikel direkt. Über den „Spiegel“ ließ er ausrichten: „Totgesagte leben länger.“

Nun gehört der Gesundheitszustand eines Ferdinand Piëch nicht in die Öffentlichkeit. Die Frage, was für den Volkswagen nach Piëchs aktiver Zeit an der Aufsichtsratsspitze kommt, hingegen schon. Denn kaum ein Konzern dieser Größe ist so auf einen Mann zugeschnitten wie Volkswagen. Und bislang ist Piëch im Verbund mit Winterkorn der Garant des Erfolgs. Während andere Branchenriesen wie General Motors (GM) oder Toyota mit Problemen kämpfen, selbst ein Edelhersteller wie Daimler immer wieder Niederlagen und Rückschläge einstecken muss, wächst VW, erobert neue Märkte, stampft immer neue Fabriken aus dem Boden und weist fast ständig bessere Ergebnisse aus. Fast scheint es, als sei die Volkswagen AG ein Selbstläufer – doch der Konzern ist weitaus fragiler, als es scheint.

Man darf bei allen Erfolgen nicht vergessen, dass Volkswagen von Piëch 1993 als Krisenfall übernommen wurde, dass der Konzern um das Jahr 2000 noch als Übernahmekandidat galt. Und selbst die Übernahmeattacke von Porsche vor einigen Jahren war keineswegs so aussichtslos, wie man das heute in Wolfsburg gerne darstellt. Doch VW wehrte alle Angriffe ab, steckte die Lehman-Krise weg, die Euro-Krise – und der Mann an der Spitze alle Skandale und Störfälle wie die Lopez- oder Lustreisen-Affäre. Alles wird überdeckt von den steigenden Absatz-, Umsatz- und Gewinnzahlen.

Ist VW noch steuerbar?

Dennoch fragen Experten immer wieder, ob ein solcher Gigant noch steuerbar ist. Zwölf Marken vom schwersten Lastwagen bis zum Luxusmotorrad, 550.000 Beschäftigte, 100 Werke und kaum ein Land, in dem Volkswagen seine Fahrzeuge nicht verkauft. Das Duo Piëch-Winterkorn sorgt dafür, dass zusammenbleibt, was nicht gottgegeben zusammengehören muss. Aber können das andere an der Spitze dieses Industriegiganten auch?

„Mit der richtigen Leitung ist der Volkswagen-Konzern nicht nur wie bisher lenkbar, er kann auch weiter wachsen. Der Erfolg zeigt, dass es mit den jetzigen Strukturen ja sehr gut funktioniert“, sagte Wolfgang Porsche, der Aufsichtsratschef der Porsche AG, der Morgenpost. Und auch die Tatsache, dass ein Mann Volkswagen maßgeblich steuert und damit prägt, noch dazu sein Cousin, mit dem er in der Vergangenheit längst nicht immer einer Meinung war, beunruhigt Porsche nicht. „Die richtige Leitung hängt von Persönlichkeiten ab und von Menschen, die im Team stark sind.“

Grundsätzlich hat Piëch für die Zukunft umsichtig vorgesorgt. Volkswagen ist eine Gewinnmaschine, hat praktisch keine Lücken im Angebot und ist auf allen wichtigen Märkten vertreten. Sein Vermögen hat der Aufsichtsratschef in zwei Stiftungen eingebracht und so für klare Verhältnisse gesorgt. Seine Frau Ursula ist in das Kontrollgremium aufgerückt und soll dort dafür sorgen, dass der bisherige Kurs beibehalten wird.

Und sollte Vorstandschef Winterkorn wirklich eines Tags an die Spitze des Aufsichtsrates wechseln, was rechtlich möglich ist, wäre auch damit für Kontinuität gesorgt. Längst ist die gesamte Führungskultur von Volkswagen auf das Zusammenspiel der beiden Männer Piëch und Winterkorn ausgerichtet.