Fernsehen

Wettrüsten im Wohnzimmer

3 D, Internet und Ultra HD: Ständig warten TV-Hersteller mit Neuigkeiten auf. Für den Konsumenten ist der Nutzen zweifelhaft

Hat Ihr Fernseher ein Ultra Clear Panel, Motionflow, eine 3D HyperReal Engine, eine Clear Motion Rate mit vierstelliger Hertz-Zahl, ConnectShare Movie, eine Ultra High Definition Auflösung und ist leicht nach hinten gewölbt? Nicht? Dann haben Sie wohl die Vergangenheit gekauft. Im schlimmsten Fall ist Ihr Flachbild-TV mehr als fünf Millimeter dick, hat eine profane HD-Auflösung und nicht einmal 55 Zoll Durchmesser. Bedauernswert - das werden Ihnen die Hersteller jetzt einreden.

Die TV-Gerätehersteller stehen vor einer delikaten Aufgabe. Sie müssen die Deutschen davon überzeugen, dass sie millionenfach genau das kaufen sollen, was sie schon besitzen. Acht von zehn Haushalten haben in den vergangenen Jahren ihre alten und klobigen Röhrenfernseher gegen neue Flachbildgeräte ausgetauscht. Glaubt man der Werbung der Hersteller, haben sie aber minderwertige Produkte gekauft: zu unscharf, zu dick, zu gerade.

Kurz vor Start der Ifa

Auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa), die am Freitag in Berlin beginnt, zeigen Samsung, Sony, LG und andere, wie es ihrer Meinung nach in den Wohnzimmern der Republik aussehen sollte. Dabei ist aber der Zustand der TV-Geräte, die derzeit in Deutschland in Gebrauch sind, mit einem Wort beschrieben: tadellos. Und so lassen sich die Hersteller allerlei einfallen, um neue Bedürfnisse der Verbraucher zu wecken. Wobei sich viele der neuen Funktionen so beschreiben lassen: sinnlos.

Für die Industrie steht viel auf dem Spiel. Schätzungen zufolge haben die Konzerne im vergangenen Jahr zusammen rund zehn Milliarden Euro Verluste weltweit angehäuft. Nach der Prognose der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu) wird der Absatz in Deutschland in diesem Jahr noch einmal zurückgehen, auf 9,1 Millionen Stück. Tatsächlich spielen die Hersteller ein gefährliches Spiel, das im schlimmsten Fall in einer Kaufverweigerung gipfeln könnte. Viele Verbraucher erinnern sich noch an die Verlockungen, mit denen die Elektronikindustrie vor wenigen Jahren Käufer umgarnte: Dreidimensionales Fernsehen sei die Zukunft, hieß es damals, Angelina Jolie und Tom Cruise zum Greifen nahe. Doch die Stars blieben so fern wie zuvor.

Auch Jahre nach der 3-D-Einführung gibt es kaum Inhalte. Der Bezahlsender Sky zeigt hierzulande abendlich zwei bis vier 3-D-Sendungen und Dokumentationen, die sich jedoch ständig wiederholen. Einmal im Monat gibt es ein Bundesligaspiel in 3-D. Weltweit wird nach und nach die 3-D-Übertragung zurückgefahren oder gleich eingestellt. Egal, ob der französische Pay-TV-Anbieter Canal+ bereits Anfang 2012 seinen 3-D-Testkana, der australische Pay-TV-Anbieter Foxtel, der amerikanische Sportsender ESPN und die britische BBC. Die Begründung ist überall gleich: Niemand will 3-D, zumindest nicht außerhalb der Kinos. „Die Konsumenten haben gezeigt, dass sie keine 3-D-Brillen in ihren eigenen vier Wänden tragen wollen“, wetterte im März der damalige Vizepräsident des amerikanischen Programmanbieters HBO, Bob Zitter, während einer Konferenz in London. „3-D mit Brillen ist tot.“

Auch hierzulande schaffen sich viele Verbraucher 3-D-Fernseher eher versehentlich an. In vielen besseren TV-Geräten ist die 3-D-Funktion inklusive, ausbauen geht nicht. 2012 kauften 3,2 Millionen Menschen in Deutschland ein 3-D-taugliches Gerät. Die Brillen dazu lassen sie allerdings meist in der Schublade liegen. Sie sind ungemütlich, stören im Wohnzimmer und blöd aus.

Offenbar sind die Hersteller der Versuchung erlegen, alles zu machen, was technisch möglich ist – unabhängig davon, was die Kunden wirklich wollen. Kaum war der Hype um 3-D wieder abgeebbt, drängten die Hersteller ihren Kunden intelligente Fernseher auf – und erfanden dafür die Bezeichnung „Smart TV“. Die neuen Geräte werden an das Internet angeschlossen und können so zeitversetzt über Mediatheken Sendungen abspielen oder auf Googles Videoplattform YouTube und Facebook zugreifen. Zumindest was die Verkaufszahlen angeht, ist das ein Erfolg. So meldete der Hightech-Verband Bitkom, dass von allen in diesem Jahr verkauften Fernsehern fast 60 Prozent an das Internet angeschlossen werden können. Bis Ende des Jahres, so die Schätzung, dürfte fast jeder dritte Haushalt in Deutschland bereits einen solchen Smart TV besitzen.

Als die gfu im Juli ihre jüngste Untersuchung zum Thema vorlegte, reagierte die Branche aufgeschreckt: Nicht einmal sechs von zehn dieser internetfähigen Fernseher werden tatsächlich ans Netz angeschlossen. Den Zuschauern sind die bunten Oberflächen nach dem Anschalten schlichtweg zu kompliziert, stellten die Marktforscher der NPD Group in einer Untersuchung fest. Viele wollen einfach nur fernsehen. Nun haben sich Hersteller und Händler zu einer Allianz zusammengeschlossen, um mit einer Kampagne „Smarter Fernsehen“ den Nutzern zu zeigen, zu was ein Smart TV alles imstande ist. „Ab sofort stehen Sie im Mittelpunkt“, heißt es auf der Kampagnen-Website zur Begrüßung. Nachhilfe im Fernsehgucken.

Aktuell gibt es nach Einführung der HD-Fernseher einen neuen Liebling. Ingenieure der Hersteller haben es geschafft, die Auflösung der Bildschirme zu vervierfachen. So kommen nun Fernseher in den Handel, die Ultra High Definition (UHD) beherrschen. Die Auflösung erhöht sich drastisch – wenn der Zuschauer in der Lage wäre, das zu erkennen. Das kann er aber nicht. Da man in Deutschland durchschnittlich mehr als zwei Meter von seinem Fernseher entfernt sitzt, erkennen die meisten wegen der Sehschärfe des Auges schon heute nicht mehr die Details, die ein HD-Fernseher darstellt. Bei UHD müsste das Gerät praktisch auf dem Schoß stehen.