Personalie

Microsoft braucht einen neuen Chef

Steve Ballmer tritt überraschend ab – innerhalb der kommenden zwölf Monate. Der Konzern steckt mitten im Umbau

Microsoft-Chef Steve Ballmer hat überraschend seinen Rücktritt angekündigt. Innerhalb der kommenden zwölf Monate will der US-Softwarekonzern einen Nachfolger finden, bis dahin wird Ballmer weiter die Geschäfte führen. Microsoft und Ballmer waren in den vergangenen Monaten unter Druck geraten, nachdem sowohl die neue Windows-Version Nummer 8 als auch Microsofts Vorstoß als Hardwarehersteller mit den Surface-Tablets am Markt nicht den gewünschten Erfolg hatten. Dementsprechend euphorisch reagierten die Anleger auf Ballmers Ankündigung: Microsofts Aktien stiegen um 7,35 Prozent. Das war der größte Kursanstieg seit rund sechs Jahren. Ballmer führte 13 Jahre lang die Geschicke des Konzerns. Seit 2000, als er den Posten von Gründer Bill Gates übernahm, verlor die Aktie mehr als 40 Prozent ihres Wertes.

Dennoch trifft der Rücktritt den Konzern relativ unvorbereitet in einer Phase des Umbaus: Microsoft hat bislang keinerlei Nachfolgeregelung und muss nun per Komitee und in Zusammenarbeit mit der Personalfirma Heidrick & Struggles eiligst einen Nachfolger für den 57-Jährigen suchen. Augenscheinlich hatte auch Ballmer selbst ursprünglich einen späteren Rückzug geplant. „Es gibt nie eine perfekte Zeit für einen solchen Übergang, aber jetzt ist die richtige Zeit“, kommentierte er etwas verklausuliert seinen Rücktritt. „Ursprünglich dachte ich nicht, dass mein Rücktritt inmitten des Wandels des Konzerns hin zum Geräte- und Services-Anbieter stattfindet. Wir brauchen nun einen Chef, der diese neue Richtung langfristig steuert.“

Ballmer-Freund Gates, der als Aufsichtsratsvorsitzender nun die Nachfolge regeln muss, kommentierte, er werde persönlich bei der Suche eines „großartigen neuen CEO“ für die Firma helfen. Ballmer und Gates kennen sich seit dem gemeinsamen Studium in Harvard. Der oder die muss dann da weitermachen, wo Ballmer seit zwei Jahren vergeblich gegen den Umsatzschwund kämpft: Er hatte gezwungenermaßen den Strategiewechsel des Konzerns angestoßen. Zuvor hatte er sich lange dem Trend hin zu mobilen Geräten verschlossen.

Deshalb verpasste der Konzern Mitte des vergangenen Jahrzehnts fast komplett die mobile Revolution. Angesichts des überwältigenden Erfolgs von Googles Umsonst-Betriebsssystem Android im Mobilmarkt verlor Microsofts klassisches Geschäftsmodell, das auf dem Verkauf des Betriebssystems Windows und dazu passender Software beruhte, zusehends Umsatz. Der Umstieg auf ein mobilkompatibles Betriebssystem samt der wichtigsten Zusätze wie Appstore, Serviceangeboten und zentralem Datenspeicherplatz kam Jahre zu spät. Ballmers Zögern rächt sich nun, im Mobilmarkt ist Microsoft nur Dritter hinter dem Technologiekonzern Apple und dem Suchmaschinen- und Softwareriesen Google.

Windows 8 kam zu spät

Das Touch-Betriebssystem Windows 8 entwickelte Microsoft zu spät. Es kam erst 2012 auf den Markt und bei den Kunden so schlecht an, dass Microsoft nun bereits im Herbst die Folgeversion 8.1 herausbringt. Speziell die umsatzstarken Firmenkunden zögern, ihren PC-Bestand auf Windows 8 aufzurüsten, und bleiben bei Version 7. Zudem halten sie sich unter anderem deswegen mit Neuinvestitionen zurück und tragen so zum Einbruch auf dem PC-Markt bei – auf dem Microsoft mit vorinstallierten Windows-Programmen am meisten umsetzt. Im Mai verkauften die Computerhersteller im Jahresvergleich laut aktuellen Zahlen der Marktforscher von IDC insgesamt 18 Prozent weniger Geräte.

„Geräte und Services“ heißt angesichts dessen seit Ende 2012 das neue Mantra in der Microsoft-Firmenzentrale in Redmond, US-Bundesstaat Washington. Ballmer setzt auf Abonnements für Cloud-Services wie die Internetversion der hauseigenen Bürosoftware Office 365 und auf die Tablets der Surface-Serie, mit denen der Konzern im vergangenen Jahr erstmals selbst als PC-Hersteller auftrat. Während die Cloud-Services bei den Kunden viel Anklang finden, enttäuscht Surface bislang alle Erwartungen. Speziell die kleinere Tablet-Variante Surface RT liegt wie Blei in den Lagern, wie Ballmer selbst erst Ende Juli auf einer Veranstaltung am Firmensitz zugab: „Wir bauen ein paar Tablets mehr, als wir verkaufen“, kommentierte er trocken den Misserfolg. Allein im zweiten Quartal verbuchte Microsoft 900 Millionen Dollar Verlust mit den Geräten.

Flop mit dem eigenen Rechner

Die Windows-RT-Plattform ist wegen ihrer späten Geburt gegenüber Googles Android klar im Hintertreffen: Im RT-Appstore – dem Online-Geschäft für kleine Anwenderprogramme zum Beispiel für Wetter oder Spiele – fehlen viele populäre Programme für Tablets, die kleinen flachen Rechner mit berührungsempfindlichem Bildschirm. Weil Microsoft keine Kompatibilität zwischen Windows-8- und Windows-RT-Software garantiert, ist RT zum Stiefkinddasein verdammt.

Im Juli hatte Ballmer angesichts der Flops Windows 8 und Surface seine Führungsmannschaft umgebaut und den gesamten Konzern neu in Funktionsbereiche eingeteilt. Wo bislang einzelne Abteilungen nach Produkten geordnet relativ unabhängig voneinander vor sich hin werkeln durften, wollte Ballmer eine Zusammenarbeit erzwingen. Der Radikalumbau war sein letzter Versuch, die Dominanz der Softwareteams zu brechen und das Programm „Geräte und Services“ mit Leben zu füllen.

Sein Rücktritt ist in diesem Umbauprozess der logische nächste Schritt. Verschiedene Großinvestoren, etwa der US-Investor ValueAct, hatten bereits angekündigt, angesichts der verfehlten Gewinnerwartungen im Herbst Druck auf Ballmer ausüben zu wollen. Dem kam er nun zuvor. In seiner Erklärung an die Belegschaft äußerte Ballmer Zuversicht: „Dies ist ein bewegender und schwieriger Schritt für mich. Ich tue diesen Schritt im besten Interesse der Firma, die ich liebe. Microsoft hat seine besten Tage vor sich.“ Ob Ballmers Nachfolger den begonnenen Umbau erfolgreich zu Ende führen kann, wird nun auch davon abhängen, wie Ballmer seine letzten Monate als Microsoft-Chef nutzt: Noch steckt die Firma im Umbau, muss verschiedene neue Topmanager auf Spitzenposten einarbeiten und kann sich keinen vakanten oder halbherzig ausgefüllten Chefsessel leisten.

Wie Ballmer nach Microsoft seine Zeit verbringen will, dazu sagte er in seinem Abschiedsbrief an die Belegschaft noch nichts. Doch am Hungertuch nagen muss er definitiv nicht: Ballmer besitzt den US-Analysten von SPCapital zufolge 333 Millionen Microsoft-Aktien und verdiente allein dank des durch den eigenen Rücktritt ausgelösten Kursanstiegs 840 Millionen Dollar.