Wirtschaft

Niedergang der britischen Küstenstädte

Ehemals glanzvolle Ferienorte leiden zunehmend unter Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität

Ein sonniger Morgen. Der Southwest-Zug kommt mit einem lauten Quietschen im Bahnhof von Brighton zum Stehen. Es ist warm, Möwen kreischen, die Luft riecht nach Meer. Doch schon ein paar Meter weiter ist es nicht mehr so idyllisch. In einem Park grölen trotz der frühen Stunde Betrunkene, die Straße hinunter zum Meer ist gesäumt von Ramschläden, Fast-Food-Buden und Wettbüros, von den Fassaden blättert die Farbe. Ganz offensichtlich: Brighton, das bekannteste Seebad Großbritanniens, hat schon bessere Zeiten erlebt.

Dabei geht es der 155.000-Einwohner-Stadt im Süden Englands noch vergleichsweise gut. Neue Zahlen des nationalen Statistikamtes ONS zeigen jetzt das Ausmaß des Niedergangs. Demnach sind viele Städte an der britischen Küste ärmer als der Landesdurchschnitt, Arbeitslosigkeit und Kriminalität nehmen zu. Gleichzeitig sind die Einwohner häufiger krank, es gibt mehr Kinder, die in Pflegefamilien leben.

All diese Faktoren gehen in den sogenannten Deprivation-Index ein, der die Verarmung beschreibt. Am schlechtesten von 57 im Jahr 2010 untersuchten britischen Städten und Gemeinden schnitten die Ortschaften Blackpool und Skegness ab. Die Regierung von Premier David Cameron kündigte nun eine Erhöhung der Gelder für den „Coastal Communities“-Fonds an. Dieser soll die Wirtschaft in den Küstenstädten ankurbeln und 5000 Arbeitsplätze schaffen.

Doch reicht Geld allein? Einige britische Ferienorte befinden sich in einem „Kreislauf der Armut“ und leiden unter „ernsthaftem sozialem Zusammenbruch“, warnte der Thinktank Centre for Social Justice (CSJ) Anfang August. Die britischen Küstenorte verkämen zusehends zu einer „Müllhalde“ für „Pflegekinder und Sexualstraftäter“, heißt es in dem Bericht: „Das verringert die Attraktivität dieser Orte weiter und lässt den Kreislauf der Armut weiter bestehen.“

Auch die lokale Industrie krankt

Ein Grund für den Niedergang der britischen Ferienorte seien Pauschalreisen, mit denen die Reisebüros seit den 70er-Jahren locken. Trips nach Spanien, Portugal und Malta gewannen bei den sonnenhungrigen Briten schnell an Beliebtheit. Ferienorte wie Blackpool verlieren deshalb an Attraktivität – nur noch acht Millionen Touristen kommen im Schnitt pro Jahr in die Stadt im Nordwesten Englands. Zu besten Zeiten waren es mit 17 Millionen mehr als doppelt so viele. Doch nicht nur der Tourismus, sondern auch die lokale Industrie leidet. Margates Fabrik für Modelleisenbahnen schloss 1995 ihre Tore, das Spielzeug wurde fortan in China produziert. Mehr als 400 Jobs gingen verloren. Auch in Great Yarmouth im Nordosten Englands wird nicht mehr viel hergestellt – ein Grundproblem der britischen Wirtschaft, die seit Jahren stark von der Bank- und Finanzindustrie in London abhängig ist. Die schlechten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wirken sich auf die Küstenstädte unterschiedlich aus. Blackpool zum Beispiel hat eine hohe Rate an Teenager-Schwangerschaften; es sind dreimal so viele Kinder in Pflegefamilien untergebracht wie im nationalen Durchschnitt. Rhyl im Norden von Wales hat besonders viele Arbeitslose, in einigen Stadtteilen beziehen zwei Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung Arbeitslosenunterstützung.

Während im reichen London die Immobilienpreise explodieren, fallen sie in den armen Küstenstädten ins Bodenlose. In Blackpool im Norden Englands kostet ein Haus im Schnitt nur noch 77.000 Pfund, etwa 90.000 Euro – wenig für britische Verhältnisse. Das bringt ein weiteres Problem mit sich: Die oftmals überschuldeten Kommunen kaufen diese Häuser, um dort Hilfebedürftige unterzubringen; Drogenabhängige, Ex-Knackis und Pflegefälle wohnen so Tür an Tür, was die Viertel noch unattraktiver macht. Insgesamt gibt das Vereinigte Königreich fast zwei Milliarden Pfund (2,3 Milliarden Euro) für Leistungen in den Küstenstädten aus, stellt das CSJ fest.

„Die Lebensstandards dort sind so gefallen, dass die Orte nicht mehr wiederzuerkennen sind“, sagte Christian Guy, Direktor der Organisation. „Die Einwohner sind die Hauptleidtragenden der Kürzungen. Wir müssen diese Orte wiederbeleben – nicht nur für Touristen, sondern vor allem für die Menschen, die dort leben.“