Gesundheit

Krank durch Aufputschmittel

AOK-Studie: Zahl der Fehltage wegen Suchtproblemen steigt seit Jahren dramatisch

Stress am Arbeitsplatz, ständige Erreichbarkeit und zu große Anforderungen – die Herausforderungen der modernen Arbeitswelt sorgen offenbar dafür, dass Arbeitnehmer häufiger als früher zur Flasche oder in die Pillenschachtel greifen. Darauf deuten zumindest die Zahlen hin, die die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOKs) für ihren „Fehlzeiten-Report 2013“ zusammengetragen haben. Demnach treiben vor allem Alkoholsucht und Tabakkonsum die Zahl der Krankheitstage hierzulande in die Höhe.

Nach dem Report ist die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage, die durch Suchtkrankheiten verursacht wurden, von 2,07 Millionen im Jahr 2002 auf 2,42 Millionen im Jahr 2012 gestiegen. Das ist eine Zunahme um 17 Prozent. Zwar machen die suchtbedingten Krankschreibungen nur 1,3 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsfälle aus. Aber Arbeitsausfälle wegen Süchten nehmen zu, während die Zahl der Arbeitstage, die wegen körperlicher Gebrechen ausfallen, stagniert oder sogar sinkt. Grundlage der Erhebung sind alle Krankmeldungen der elf Millionen AOK-Mitglieder.

Großer Schaden

Die volkswirtschaftlichen Folgen dieser Entwicklung sind erheblich. Das wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) hat berechnet, dass Arbeitnehmer, die an Suchterkrankungen leiden, häufiger krankgeschrieben sind als andere kranke Arbeitnehmer und dass sie besonders lange ausfallen. „Wer einmal mit einer Suchterkrankung ausfällt, fehlt im Schnitt an 92 Tagen im Jahr“, sagt Uwe Deh, Geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbandes. Bei allen anderen Diagnosen lag im vergangenen Jahr die durchschnittliche Fehlzeit bei 31 Tagen.

Dadurch geht viel Arbeitsproduktivität verloren: Das WIdO schätzt, dass der deutschen Wirtschaft durch die Suchterkrankungen aller gesetzlich versicherten Arbeitnehmer im vergangenen Jahr 1,3 Milliarden Euro an Arbeitsproduktivität verloren gegangen ist. Allerdings beruht diese Berechnung nur auf den Krankschreibungen, in denen tatsächlich eine Sucht als Diagnose angegeben ist.

„Das ist nur die Spitze des Eisberges“, sagt AOK-Vorstand Deh. „Oft werden Suchtkranke nicht ausdrücklich wegen ihrer Suchtprobleme, sondern unter anderen Diagnosen krankgeschrieben.“ Der tatsächliche volkswirtschaftliche Schaden dürfte deshalb weit höher sein. Die Autoren des Fehlzeiten-Reports gehen davon aus, dass nur die Alkohol- und Tabaksucht die deutsche Volkswirtschaft jedes Jahr mit gewaltigen 60,25 Milliarden Euro belasten. Vor allem die indirekten Kosten durch Frühverrentung oder Arbeitsunfähigkeit seien dabei ein großer Faktor.

Die Sucht, mit dem stärksten Einfluss auf die suchtbedingten Krankschreibungen bleibt mit 44 Prozent übermäßiger Alkoholkonsum. Danach folgt bereits der Tabakkonsum. Vor allem die langfristigen gesundheitlichen Folgen des Rauchens seien für viele Krankschreibungen verantwortlich. Bei einer repräsentativen Befragung von mehr als 2000 Beschäftigten gaben 5,3 Prozent an, an jedem Tag der Woche zu trinken. Dabei ist der Anteil der Männer, die täglich zur Flasche greifen mit fast neun Prozent mehr als viermal so groß wie der Anteil der Frauen. Knapp ein Drittel der Befragten gab an, regelmäßig oder gelegentlich zu rauchen.

Sorgen machen den AOK-Experten auch neue Süchte, beispielsweise die verstärkte Einnahme von leistungssteigernden Präparaten. Dazu zählen die Autoren des Reports etwa Stimulanzien wie etwa Amphetamine („Speed“) oder Medikamente, die missbräuchlich eingesetzt werden, um die geistige Leistungsfähigkeit zu steigern. Wohl prominentestes Beispiel ist das Mittel Ritalin, das eingesetzt wird, um Kinder mit ADHS zu behandeln. Erwachsene nehmen das verschreibungspflichtige Medikament ein, um ihre Konzentrationsfähigkeit zu steigern.

Die Zahl der Krankschreibungen, wegen des Konsums von Stimulanzien und anderen leistungssteigernden Mitteln ist zwar noch relativ gering, hat sich aber in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht. „Die Bereitschaft, zu solchen Mitteln zu greifen, steigt enorm, und die Hemmschwellen sinken“, sagt AOK-Vorstand Deh. „Wenn nichts passiert, werden wir in zehn Jahren eine deutlich verschärfte Situation haben.“

Mehr Vorbeugung nötig

Die Statistik der AOK spiegelt eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung: Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hat festgestellt, dass sich die Zahl der Erstkonsumenten von Stimulanzien seit 2002 mehr als verdoppelt hat. Peter Raiser, Experte für Sucht am Arbeitsplatz bei der DHS, glaubt, dass viele Arbeitnehmer zu Dopingpillen greifen, um den Anforderungen ihres Berufs gerecht werden zu können. „Hierzulande nehmen die belastenden Arbeitsverhältnisse zu und mit ihnen großer Stress und Anforderungen, die als zu hoch empfunden werden“, sagt Raiser.

Vor allem die Belastungen der modernen Arbeitswelt trieben viele Arbeitnehmer in die Sucht, warnen die Autoren des Reports. „Arbeit kann ein Mitverursacher sein für Süchte, kann aber auch ein Ort der Prävention und Gesundung sein“, sagt denn auch Helmut Schröder, der stellvertretende Geschäftsführer des WIdO. Er appelliert denn auch an die Arbeitgeber, mehr für die Suchtprävention unter ihren Mitarbeitern zu tun.

Im vergangenen Jahr zählten die AOKs unter ihren Versicherten rund 153 Millionen krankheitsbedingt ausgefallene Arbeitstage. Sechs Krankheitsarten sind für das Gros der Krankschreibungen verantwortlich: Im vergangenen Jahr ging knapp ein Viertel (22,9 Prozent) der Fehlzeiten auf das Konto von Erkrankungen von Muskeln und Skelett und hier insbesondere Rückenleiden. Danach folgen Verletzungen (11,8 Prozent), Atemwegserkrankungen (11,4 Prozent), psychische Erkrankungen (10,1 Prozent) sowie Erkrankungen von Herz und Kreislauf (6,6 Prozent) und von Magen und Darm (5,5 Prozent).