Arbeitsethos

„Wenn einer tot umfällt, ist es der Praktikant“

Der Tod eines 21-jährigen Deutschen schockt die britische Bankindustrie

Er wollte es gut machen, wie immer. Doch Moritz E., der ehrgeizige junge Deutsche, übertrieb es und machte zu viel, als er während seines Praktikums bei der Investmentbank Bank of America Merrill Lynch in London wie seine angestellten Kollegen die Nächte durcharbeitete und ohne Schlaf wieder ins Büro ging. Der 21-Jährige brach vor einer Woche tot zusammen.

Sein Tod sendet Schockwellen durch die britische Bankenindustrie und hat heftige Debatten über die Arbeitskultur in den Banken ausgelöst. Überstunden, Nachtschichten und ein Übermaß an Adrenalin erzeugen dort eine in vielen Fällen gefährliche Mischung. Wegen der Entlassungswellen nach der Finanzkrise seien Exzesse wie im Fall Moritz E. häufiger geworden, sagen Experten.

„Der Tod des Praktikanten wirft ein Licht auf die extreme Arbeitskultur in der Bankindustrie“, sagt Andre Spicer, Professor für Verhalten in Organisationen an der Cass Business School in London. „Es gibt keinen wirtschaftlichen Grund für die langen Arbeitszeiten“, sagt Spicer. Ihm zufolge sei es vor allem der Wille der jungen Banker, ihre Leistungsbereitschaft unter Beweis zu stellen – zur Not auch, indem sie sogenannte „all-nighters“ absolvieren, also bis zum frühen Morgen im Büro bleiben, zu Hause nicht schlafen, sondern nur duschen und wieder mit dem Taxi ins Büro fahren. „,All-nighters‘ sind wie ein Initiationsritus“, sagt Spicer.

Die Bank, bei der Moritz E. sein siebenwöchiges Praktikum machte, bestätigte lediglich, dass der Deutsche tot aufgefunden wurde. Ein Sprecher der Bank of America Merrill Lynch verwies auf die laufende Autopsie und weigerte sich, entsprechende Berichte zu kommentieren, nach denen Moritz E. drei Tage lang bis sechs Uhr morgens durchgearbeitet habe. Die britische Praktikantenvertretung „Intern Aware“ forderte die Bank auf, ihre Arbeitskultur zu überdenken. Wochenarbeitszeiten von bis zu 100 Stunden seien unter den Sommerpraktikanten in der Bankindustrie keine Seltenheit. Der „Independent“ sprach in Berichten von „Sklaverei“ und „Macho-Kultur“.

„Sehr wettbewerbsorientiert und ehrgeizig“: so beschrieb sich Moritz E. im Internet. Seine Familie habe stets erwartet, dass er im Leben vorankomme und Leistung zeige. Dieser Wunsch führte den jungen Mann an die private WHU Otto Beisheim School of Management in Vallendar bei Koblenz, nach der Graduierung im kommenden Jahr wollte Erhardt einen MBA in den USA machen. Nach Stationen bei KPMG, Deutsche Bank und Morgan Stanley sollte das Praktikum bei Bank of America Merrill Lynch ein weiterer Baustein in seinem Lebenslauf sein.

Mit seinem Ehrgeiz war Moritz E. nicht allein – viele Praktikanten in der „City“ hoffen darauf, mit Nachtschichten ihre Chefs zu beeindrucken. „Jeder weiß, dass es fast unmöglich ist, in die Industrie reinzukommen“, sagt Tobias Wildner. Der Deutsche hat bei der Investmentbank Goldman Sachs in London in der Fleet Street als Analyst und Senior Analyst gearbeitet und dort die Bereitschaft zur Selbstaufgabe am eigenen Leib erlebt. „Die Praktikanten sind schlimmer dran als alle anderen. Sie denken, dass sie eine Festanstellung bekommen, wenn sie viel arbeiten. Wenn einer tot umfällt, dann ist es ein Praktikant.“ Wildner arbeitete bis 2011 im Bereich Risk Advisory und International Business Development in London, für ein Basisgehalt von 49.000 Pfund, etwa 57.355 Euro. „Es wird implizit vorausgesetzt, dass man rund um die Uhr arbeitet“, sagt der 27-Jährige. „Der, der als Erster geht, ist der Schwächste.“