Personalmangel

Bahnchef ruft Mitarbeiter im Urlaub an

Bitte um Verschiebung der Ferien verärgert Gewerkschaft. Mehr Personal und moderne Technik gefordert

Normalerweise begibt sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nicht in die Niederungen des Bahnalltags, und normalerweise ruft Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube auch nicht persönlich bei Mitarbeitern an, um sie dazu zu bewegen, ihren Urlaub zu verschieben. Aber seit Personalmangel das Stellwerk Mainz nahezu lahmlegt, und Tausende Pendler oder Fernreisende nun um die Landeshauptstadt geleitet werden müssen, ist die Bahn-Welt nicht mehr normal. Also sorgt sich die Kanzlerin nun öffentlich um die Personalstärke des letzten Konzerns, der ganz in Staatshand ist. Und Bahnchef Grube greift zum Hörer. Außerdem besuchte er das Krisen-Stellwerk in Mainz. Was er dort am Mittwoch über die Arbeitsbedingungen zu hören bekam, hätte zweifellos nachdenklich gemacht, sagte ein Bahnmanager nach dem Blitzbesuch.

Als Konsequenz aus dem Chaos am Mainzer Hauptbahnhof will die Deutsche Bahn die Personalplanung im gesamten Konzern für das kommende Jahr ganz neu aufrollen. In den nächsten Wochen werde für sämtliche Konzerngesellschaften die personelle Besetzung für 2014 auf den Prüfstand gestellt, sagte Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber am Mittwoch in Frankfurt am Main. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) setzte damit ihre Forderung nach einem Kurswechsel durch.

Unternehmen und Arbeitnehmerseite wollten „gemeinsam daran arbeiten, dass sich ein solches Debakel nicht wiederholt“, sagte Bahn-Personalchef Weber. Darauf, wie viel zusätzliches Personal die Bahn im kommenden Jahr voraussichtlich einstellen werde, wollte sich Weber noch nicht festlegen. Dies werde „der Prozess der nächsten Wochen zeigen“.

„Mainz ist die Spitze des Eisbergs“, sagte der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner. Er sieht die Zugeständnisse der Bahn als Erfolg. Konzernweit seien acht Millionen Überstunden und neun Millionen Stunden ausstehender Urlaub aufgelaufen. „Unsere Forderung ist eine Personalplanung, die sicherstellt, dass die Kollegen ihren Urlaub bekommen und freie Tage tatsächlich frei sind.“

Die Gewerkschaft kritisierte auch Bahnchef Rüdiger Grube, weil er Stellwerksmitarbeiter in deren Urlaub angerufen hatte. „Dass Mitarbeiter, die dringend Urlaub brauchen, vom obersten Konzernlenker persönlich angerufen werden, halte ich für ein Ding der Unmöglichkeit“, sagte Kirchner.

Die Bahn verteidigte die Telefonaktion. „Im Interesse unserer Kunden, des Unternehmens und aller unserer über 300.000 Mitarbeiter hat er eine Handvoll Kollegen in Mainz angerufen und sie darum gebeten, sich zu überlegen, ob sie nicht ihren Urlaub verschieben könnten“, sagte Konzernsprecher Oliver Schumacher.

Auch modernere Technik könnte helfen, sagte der Bahnverkehrsexperte und Bahnbeirat Jörn Pachl im „Deutschlandradio Kultur“. Die Bahn müsse zügig modernere Technik in den Stellwerken einführen, „die alten Stellwerke verursachen einen sehr hohen Personalbedarf.“ Dafür seien jedoch hohe Investitionen notwendig.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte das bundeseigene Unternehmen auf, eine ausreichende Personalstärke sicherzustellen. „Es geht jetzt erstmal darum, dass ausgebildetes Personal da ist und dass man daran arbeitet, diese Personaldecke so auszustatten, dass auch in Krankheits- und Urlaubsfällen nicht jedes Mal Tausende von Menschen leiden müssen“, sagte Merkel im TV-Sender Phoenix und im Deutschlandfunk. Sie sei sehr froh, „dass die Bahn sich mit aller Ernsthaftigkeit der Sache angenommen hat“.