Interview

„Firmen gründen ist nirgendwo einfach“

Vinton Cerf, einer der Internet-Väter, über Start-up-Kulturen und was Steve Jobs mit der Berliner Internet-Factory zu tun hat

Vinton Cerf gilt als einer der Erfinder des Internets. In den 70er-Jahren schrieb er an dem grundlegenden Internetprotokoll TCP/IP mit. Darauf basiert heute das Web. Cerf arbeitet heute als Berater für Google. Mit dem 70-jährigen Informatiker sprach Jorgos Brouzos.

Berliner Morgenpost:

Sind Sie stolz auf das Internet, das auch Ihr Kind ist?

Vinton Cerf:

Stolz ist ein schwieriger Begriff. Es ist nicht angebracht, stolz auf etwas zu sein, wofür man nicht verantwortlich ist. Ich habe intensiv an den Grundtechnologien des Internets mitgearbeitet und die Weiterentwicklung des Internets ist noch immer mein Anliegen. Dafür nehme ich gerne Lob entgegen. Wenn sie sich das Internet heute anschauen, dann ist auf dieser Grundlage, an der ich mitgewirkt habe, sehr vieles entstanden, wofür ich nichts kann.

Wieso gelingt es fast nur Unternehmen aus den USA, im Internet erfolgreich zu sein?

Das stimmt nicht. Skype kam beispielsweise aus Skandinavien, auch wenn die Firma jetzt zu Microsoft gehört.

Woran mangelt es denn in Europa?

Auch im Silicon Valley geht die große Mehrheit der Firmen pleite. Hier werden einfach nur die erfolgreichen wahrgenommen. Es ist nirgendwo einfach, eine Firma zu gründen und sie am Laufen zu halten.

Das Silicon Valley in Kalifornien ist für die IT-Industrie dennoch etwas Besonderes.

Vor ein paar Jahren besuchte der ehemalige britische Premier Tony Blair das Silicon Valley. Er fragte eine Gruppe von IT-Unternehmern, wie man aus London das nächste Silicon Valley machen kann. Keiner der Firmenchefs traute sich etwas zu sagen, bis Apple-Gründer Steve Jobs die Hand hob und antwortete: Alle Unternehmer im Silicon Valley sind mindestens einmal gescheitert. Dafür müssen wir uns hier nicht schämen. Wenn ein Unternehmer in Europa scheitert, hat er ein echtes Problem.

Hatte Jobs damit recht?

Sein Argument ist stichhaltig, auch wenn es sicher nicht überall in Europa gleich gültig ist. So wird beispielsweise in Schweden sehr viel Geld für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Dort entstehen auch sehr viele kleine Firmen. Doch sie starten dennoch nicht durch. Das Problem ist, dass bei einem Scheitern der Firmenchef persönlich verantwortlich gemacht wird. Die Firmenchefs wollen daher kein Risiko eingehen. Ohne Risiko gibt es aber kein Wachstum. Das ist in anderen europäischen Ländern ähnlich.

Wo ist das Problem?

Im Silicon Valley gehört das Scheitern dazu, in Europa kriegt man nach einer Pleite kein Geld mehr. Dabei kann der Gründer manchmal gar nichts dafür. Banken, die wichtigsten Geldgeber, meiden Risiken. Ich habe es selbst schon mitangesehen, dass Banken in einer wichtigen Phase einer Firma kalte Füße bekamen und ein Unternehmen deshalb untergegangen ist. Dann hat ein Unternehmer keine Chance mehr.

Wie sieht es in Deutschland aus?

Hier ist es nicht so schwer, eine Firma zu gründen. Berlin verfügt über gute Universitäten, und es lassen sich genügend qualifizierte Leute finden. Der Platz ist überschaubar, das führt dazu, dass sich die Leute schnell kennen. Und Berlin ist noch immer eine tolle Marke, die Geschichte der Stadt ist spürbar. Zusammengefasst ist Berlin ein guter Ort für Start-ups. Die Zutaten sind da, vielleicht nicht in rauen Mengen – aber sie sind da.

Google engagiert sich bei der Factory, einem Berliner Start-up-Center. Weshalb?

Mit der Factory sollen einige der Probleme von Jungunternehmen angegangen werden. Viele Start-ups merken nicht, dass sie vom Austausch mit anderen Firmen enorm profitieren könnten.

Was bringt dieser Austausch?

In der Factory können sich die Firmen austauschen. Das schafft Synergien. Auch da ist Steve Jobs ein Vorbild. Er hat das nämlich mit dem Trickfilmstudio Pixar genau so gehandhabt. Das Studio hat Jobs für ein paar Millionen Dollar gekauft und später für mehrere Milliarden Dollar verkauft.

Was hat das mit der Factory zu tun?

Mit dem Gewinn von Toy Story, dem ersten Pixar-Film, hat Jobs einen neuen Firmensitz bauen lassen, bei dem die Toiletten in der Mitte des Gebäudes sind. Er wollte so erreichen, dass sich die Leute dort über den Weg laufen. Dann tauschen sie sich aus, entwickeln gemeinsam neue Ideen. Es braucht zufälligen Begegnungen, so kann man die Fähigkeiten jedes Mitarbeiters nutzen. Das klappt nicht, wenn alle in ihren Büros rumsitzen.

Wie soll das bei der Factory aussehen?

Wir wollen, dass die Leute in der Factory sich gegenseitig unterstützen, auch wenn ihre Firmen Konkurrenten sind. Sie sollen an dieser unternehmerischen Umgebung teilhaben. Davon hängt der Erfolg aller ab.