Energiepolitik

Vattenfall bleibt – vorerst

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Beruhigung vom Chef: Der Energieversorger plant keinen schnellen Rückzug aus Deutschland

Eine Standortgarantie ist das nicht. Doch was der Deutschland-Chef von Vattenfall am Dienstag zu sagen hat, klingt beruhigender als manche Spekulation der vergangenen Wochen. „Vattenfall bleibt auf absehbare Zeit Eigentümer seiner kontinentaleuropäischen Aktivitäten“, sagt Tuomo Hatakka. Der Finne beim schwedischen Konzern vermag das auch zu begründen. Deutschland brauche die Braunkohle noch länger für die Grundlast seiner Stromversorgung. Die ist besonders gefragt in Zeiten, in denen die stärkste Industrienation Europas zunehmend auf Wind- und Solarstrom umstellt. Der schwankt je nach Jahreszeit und Wetter und ist für die Grundlast nicht geeignet.

Hatakka und andere Vattenfall-Manager treffen sich an diesem schwül-heißen Tag im Berliner Heizkraftwerk Klingenberg mit dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel und dem örtlichen Kandidaten für die Bundestagswahl, Erik Gührs. Sie diskutieren, wie es mit der Energieversorgung in Deutschland weitergeht.

In dem Kraftwerk an der Spree wird Braunkohle aus der Lausitz verfeuert, was Umweltorganisationen wie Greenpeace wegen des hohen Kohlendioxid-Ausstoßes anprangern. Gabriel fragt nach den Arbeitsplätzen in dem Kohlerevier im Süden Brandenburgs und Norden Sachsens: „Die Jungs in der Lausitz machen sich wirklich große Sorgen.“ Hatakka entgegnet, in den Zeitungen sei vieles überinterpretiert worden. Der Braunkohletagebau werde noch mindestens 20 Jahre bleiben, weil er im Energiemix Deutschland unentbehrlich sei – ganz egal, was Vattenfall mache.

Die Absichten des Staatskonzerns mit Sitz in Stockholm waren zuletzt nicht leicht durchschaubar. Bis zur vor zwei Jahren verkündeten Energiewende war Deutschland ein großer Gewinnbringer für die Schweden. Dann kamen die ersten Sparrunden. Im März kündigte Vattenfall die Streichung von 2500 Arbeitsplätzen an, davon 1500 in Deutschland. Sie sollen vor allem in Verwaltung und Service in Hamburg, Berlin und Cottbus wegfallen, also eher nicht im Tagebau.

Vor zwei Wochen folgte die nächste Hiobsbotschaft. Rund 3,4 Milliarden Euro wurden im zweiten Quartal auf weniger rentable Kraftwerke und andere Vermögenswerte abgeschrieben. Insbesondere der Kauf des niederländischen Versorgers Nuon mit seinen Gaskraftwerken kommt einem Fiasko gleich. Ihr Betrieb lohnt sich kaum. Das Überangebot an Strom mit entsprechend niedrigem Marktpreis habe diesen Schritt nötig gemacht, erklärt Hatakka.

Vattenfall verkündete Ende Juli auch die Neuorganisation des Konzerns Anfang 2014 in den beiden regionalen Einheiten Skandinavien und Kontinentaleuropa plus Großbritannien. Damit habe man auf die Tatsache reagiert, dass Energiepolitik nicht europäisch, sondern national oder sogar regional gemacht werde. Vor allem aber mag die klimabesorgte schwedische Öffentlichkeit die Braunkohleförderung mit anschließender Verfeuerung in der Lausitz überhaupt nicht. Somit wird die Aufspaltung in ein „gutes“ skandinavisches Vattenfall und ein „böses“ europäisches vor allem dazu genutzt, die schwedische Öffentlichkeit ruhigzustellen.

Hatakka nickt oft, wenn Gabriel die deutsche Energiepolitik beschreibt. Gabriel schließt sich meistens der Meinung Hatakkas an, wenn der Manager seine Schwierigkeiten mit der Energiewende beschreibt. „Wir haben ein Monster auf die Beine gebracht“, sagt Hatakka zum unkontrollierten Ausbau der Solaranlagen in Deutschland. „Wir haben wirklich Anarchie in diesem Bereich“, stimmt SPD-Chef Gabriel zu. Die Bundesregierung habe es versäumt, eine Steuerungsinstanz für die erneuerbaren Energien einzurichten. Er wundere sich über die „gespenstische Ruhe in Deutschland, was die Energiepolitik angeht“. Jeder mache mit, aber keine wisse so recht, wohin die Reise gehe.

In der Öffentlichkeit sei nicht mehr vermittelbar, warum die Stromrechnung steige, obwohl die Preise an der Strombörse kräftig gesunken seien, sagt Gabriel. Eine SPD-geführte Regierung würde das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) „auf den Kopf stellen“. Auch die Energiesteuern müssten runter – bei gleicher Besteuerung in ganz Europa. Wieder nickt Hatakka.

( dpa )