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Für Solarworld geht es ums Ganze

Aktionäre und Gläubiger sollen den letzten deutschen Solarkonzern retten. Experten bezweifeln, dass das gelingt

Beim größten deutschen Solarmodulhersteller Solarworld hat die „Woche der Wahrheit“ begonnen. Das hoch verschuldete Unternehmen muss die Gläubiger zweier Anleihen sowie am Mittwoch die Aktionäre in einer außerordentlichen Hauptversammlung von den Rettungsplänen des Chefs Frank Asbeck überzeugen. Der Firmengründer gibt sich im Überlebenskampf betont optimistisch: „Ich bin 100 Prozent sicher, dass das klappt“, sagte er vor dem ersten Gläubigertreffen.

Es ging am Montagmittag für Asbeck tatsächlich erfolgreich zu Ende. Doch dass der ganze Abstimmungsmarathon bis einschließlich Mittwoch gut läuft, ist keineswegs sicher. Die Investoren müssen auf sehr viel Geld verzichten. Und das Unternehmen hatte erst vor Kurzem für das erste Halbjahr sinkenden Umsatz und rote Zahlen melden müssen.

Lehnt eine der drei Gläubigerversammlungen diese Woche die Pläne ab oder sind zu wenig Gläubiger dabei, dürfte die Insolvenz kaum mehr abzuwenden sein, wie Beobachter schätzen. Mit einer Pleite hätte der Niedergang der deutschen Solarindustrie dann ihren vorläufigen Abschluss gefunden. Der Niedergang hat auch Berlin und Brandenburg heftig getroffen. So meldete Solon Insolvenz an. Und die Zukunft der Modulproduktion in Frankfurt (Oder) des insolventen Hamburger Solarunternehmens Conergy ist offen.

Solarworld aus Bonn leidet unter der chinesischen Billigkonkurrenz und ist mit mehr als 900 Millionen Euro verschuldet. Allein 2012 betrug der Verlust knapp 480 Millionen Euro. Das Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben rund 2500 Mitarbeiter, 1330 davon im sächsischen Freiberg. Ein weiterer großer Produktionsstandort ist Hillsboro im US-Bundesstaat Oregon mit mehreren Hundert Beschäftigten.

Als Nächstes treffen sich die Gläubiger der beiden Anleihen über 150 Millionen Euro und 400 Millionen Euro. Die ersten Versammlungen Anfang Juli waren nicht beschlussfähig, weil weniger als die Hälfte des Anleihekapitals vertreten war. Diesmal müssen je 25 Prozent anwesend sein und davon 75 Prozent dem Sanierungskonzept zustimmen. Die Gläubiger der Firmenanleihen sollen auf 55 Prozent ihrer Einlagen verzichten und dafür neue Solarworld-Aktien bekommen.

Altaktionären würden nach dem geplanten Kapitalschnitt noch fünf Prozent an Solarworld bleiben: Sie sollen für jeweils 150 Altaktien eine neue Aktie bekommen. Damit sind sie aber weiterhin an einem hoch verschuldeten Unternehmen beteiligt, das selbst nach dem Gläubigerverzicht wohl noch Verbindlichkeiten von mehr als 400 Millionen Euro haben dürfte. Die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) steht den Rettungsversuchen dennoch positiv gegenüber. „Das ist immer besser als eine Insolvenz, die für die Aktionäre meist Totalverlust heißt“, sagte ein Sprecher.

Asbeck selbst, der erst im vergangenen Jahr von TV-Entertainer Thomas Gottschalk das Schloss Marienfels bei Remagen für fünf Millionen Euro gekauft hatte, will aus seinem eigenen Vermögen für rund zehn Millionen Euro Aktien nachkaufen. Damit könnte Asbeck seinen Besitz wieder auf knapp 21 Prozent der Anteile aufstocken. Der katarische Partner Qatar Solar will mit 35 Millionen Euro einsteigen und soll dafür 29 Prozent der Solarworld-Anteile erhalten.

Ab Ende des Jahres könne Solarworld wieder durchstarten, ist sich Asbeck sicher. Er will der chinesischen Konkurrenz mit Premiummodulen und Projektgeschäft Marktanteile abjagen und 2014 vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen die Ertragswende schaffen.

Branchenexperten sehen die Chancen für einen nachhaltigen Erfolg skeptisch. Grund: Der Streit über Strafzölle gegen chinesische Dumpinganbieter ist vorerst zum Nachteil europäischer Solarkonzerne gelöst worden. Die EU-Kommission hatte sich mit der Volksrepublik China in der vergangenen Woche auf einen Mindestpreis von 0,56 Euro pro Watt geeinigt. Damit aber würden nur die Massenhersteller der 2. und 3. Reihe vom europäischen Markt ausgeschlossen, sagt Wolfgang Hummel vom Zentrum für Solarmarktforschung in Berlin. „Anders als von Solarworld erwartet, stärkt das Verhandlungsergebnis die chinesischen Premiumhersteller.“ Denn die chinesischen Markenhersteller der ersten Reihe wie Trina Solar, Yingli oder JA Solar litten bisher selbst unter der Billigkonkurrenz im eigenen Land.

Der Minimum-Importpreis führe nun indirekt zu einer Konsolidierung unter den chinesischen Fotovoltaikunternehmen, bei der Billiganbieter ausscheiden und die bisherigen chinesischen Marktführer profitieren würden. „Wie erwartet bringt das Ergebnis für Solarworld keine Entlastung, sondern spielt vielmehr den bisherigen chinesischen Hauptkonkurrenten in die Hände“, glaubt Hummel. Zudem fallen die Preise durch technischen Fortschritt weiter.

Solarworld hatte als einziges größeres Solarunternehmen die Pleitewelle in der deutschen Branche überlebt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gab es hierzulande Ende Mai nur noch 20 Hersteller von Solarzellen und Solarmodulen mit mehr als 50 Mitarbeitern, sie standen zu dem Zeitpunkt für insgesamt noch 5678 Arbeitsplätze.