Debatte

Viel Urlaub? Kein Problem!

Früher hieß es in den Chefetagen oft: Die Deutschen haben zu häufig Ferien. Jetzt haben Manager laut einer Umfrage kaum noch Vorbehalte

Arbeitnehmer in Deutschland haben mehr Urlaub als in den meisten anderen Industriestaaten, und das ist auch gut so. Davon zumindest ist die große Mehrheit der deutschen Manager überzeugt. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unter den Mitgliedern des „Leaders Parliament“ von Roland Berger Strategy Consultants und derBerliner Morgenpost. „In Deutschland haben Arbeitnehmer so viele Urlaubs- und Feiertage wie in kaum einem anderen Industrieland. Sind es zu viele Ferientage?“, lautete die Frage an das Expertenpanel. Mehr als 57 Prozent der insgesamt 185 Umfrage-Teilnehmer antwortete mit einem klaren „Nein“, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

„Kollektiver Freizeitpark“

Das Ergebnis ist etwas überraschend, wenn man sich an die Diskussion vergangener Jahre erinnert. Unvergessen ist die Äußerung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU), der den Begriff vom kollektiven Freizeitpark erfand. Wortwörtlich sagte Kohl 1993 im Bundestag: „Eine erfolgreiche Industrienation, das heißt eine Nation mit Zukunft, lässt sich nicht als kollektiver Freizeitpark organisieren.“ Fortan gab es immer wieder eine Debatte darüber, ob die Deutschen mit ihren vielen Urlaubstagen träge werden und im internationalen Wettbewerb versagen könnten. Im Durchschnitt bekommt jeder Arbeitnehmer in Deutschland etwa 30 Tage Urlaub pro Jahr.

Debatten und Wahrnehmung in den Chefetagen haben sich offenbar geändert. Nun gaben 41 Prozent an, Mitarbeiter brauchten Auszeiten, um etwa einem Burn-out entgegenzuwirken. Die Arbeit heutzutage werde mehr und mehr verdichtet, argumentierten sie. Entsprechend wichtig seien Phasen der Erholung. Für 16 Prozent der Befragten stand dagegen der Belohnungsaspekt im Vordergrund. Wer „tüchtig“ arbeite, habe zwischendurch auch längere Erholungsphasen verdient.

Weniger Ferientage forderten dagegen rund 37 Prozent der Manager. Für etwa die Hälfte dieser Fraktion war der internationale Wettbewerb der Hauptgrund für ihre Forderung. Der sei scharf, da könne Deutschland es sich nicht leisten, „sich kollektiv zurückzulehnen“. Der andere Teil der Urlaubs-Kritiker führte den demografischen Wandel an. Damit unser Sozialstaat dauerhaft finanzierbar bleibe, müssten alle mehr arbeiten. Diese Fraktion ist noch auf dem Debattenstand früherer Jahre.

Am Anfang des Jahrtausends, Deutschland galt noch als „krankee Mann Europas“ wurde besonders erbittert gestritten. Im Jahr 2004 beispielsweise trat der damalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Michael Rogowski, eine Debatte los. Rogowski befand, die Deutschen hätten mit durchschnittlich 42 Urlaubs- und Feiertagen pro Jahr zuviel Freizeit. Fünf statt sechs Wochen Urlaub, befand Rogowski in einem Interview, täten es doch auch.

Deutschlands Arbeitnehmer haben bei einer Fünf-Tage-Woche per Gesetz den Anspruch auf 20 Tage Urlaub. Damit liegt Deutschland im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld. In der Praxis gewähren allerdings die meisten Unternehmen 30 Urlaubstage. Hinzu kommen je nach Bundesland zwischen neun und 13 Feiertage im Kalenderjahr. An den rund 42 Tagen, die einst von Rogowski bemängelt wurden, hat sich wenig geändert.

Bei einem weltweiten Vergleich der gesetzlich vorgeschriebenen Urlaubstage des Beratungsunternehmen Mercer aus dem Jahr 2009 belegten Finnland, Brasilien und Frankreich gemeinsam den ersten Platz. In allen drei Ländern waren 30 Urlaubstage gesetzlich vorgeschrieben. Die Schlusslichter waren Indien, Kanada und China mit 12 beziehungsweise 10 vorgeschriebenen Urlaubstagen. Bei den Feiertagen belegte Japan mit 16 Tagen einen Spitzenplatz. Dazu kamen aber nur 20 gesetzliche Urlaubstage.

Mehr tun an weniger Arbeitstagen

In der Debatte, die sich um Arbeitszeit dreht, wird aber mitunter ein weiterer, wichtiger Faktor außer acht gelassen. Natürlich haben Arbeitnehmer, die häufig Ferien machen, weniger Zeit, etwas in Büro, Fabrik oder Geschäft zu leisten. Nutzen sie aber diese knappere Arbeitszeit besonders intensiv, sind mitunter trotzdem produktiver als Arbeitnehmer, die weniger Urlaub haben. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland dabei in aller Regel besser ab als viele andere Länder.

Noch produktiver als die Bundesrepublik sind häufig die skandinavischen Länder wie Norwegen, Dänemark und Schweden. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass Arbeitnehmer in jenen Ländern meist einen noch höheren Urlaubsanspruch genießen.