Navigationssysteme

Erhöhtes Verkehrsaufkommen auf dem Display

Navigationssysteme und Karten-Apps zeigen heute mehr als nur den Weg

Zwei Unternehmen kämpfen in Berlin um die beste Karten- und Navigationslösung für den Weltmarkt: Nokia und TomTom. Ihr Markt ist in Bewegung geraten, denn mit Satellitennavigation ausgestattete Smartphones sind auf dem Vormarsch. Sie verdrängen herkömmliche „Navis“, die Autofahrer mit einem Saugfuß an ihre Windschutzscheibe pappen. Das zwingt die Unternehmen, sich unterschiedliche Nischen zu suchen und mit einzigartigen Lösungen zu brillieren.

Einer Analyse des Marktforschungsunternehmens Berg Insight zufolge waren 2011 weltweit 340 Millionen Navigationsgeräte im Einsatz: 60 Millionen fest in Armaturenbretter eingebaute, 150 Millionen „PND“ genannte Windschutzscheiben-Navis und 130 Millionen Mobiltelefone mit Navigations-Apps. Der Prognose zufolge wird bis zum Jahr 2016 die Zahl der App-Nutzer auf 300 Millionen steigen, die der PND auf 100 Millionen sinken. Verantwortlich für diesen Wandel ist vor allem Google. Das Unternehmen startete 2009 die kostenfreie App-Navigation mit Google Maps. Nokia zog einige Monate später nach.

Die Finnen hatten damals bereits vorgesorgt und 2006 das Berliner Start-up Gate5 gekauft sowie im Jahr 2007 den führenden Kartenanbieter Navteq. Mitgründer von Gate5 ist Christophe Maire, der heute als einer der führenden Berliner Investoren für junge Firmen gilt. Sein Start-up, das damals 70 Mitarbeiter beschäftigte, hatte eine innovative Navigations- und Routenplanungssoftware entwickelt, die zur Grundlage für heutige Lösungen werden sollte. Der damalige Geschäftsführer Michael Halbherr ist inzwischen im Nokia-Vorstand und zuständig für das Navigations-Projekt Here des Unternehmens. Dessen Zentrale mit 700 Beschäftigten ist in der Berliner Invalidenstraße. Weltweit arbeiten 6000 Mitarbeiter an dem Projekt. 3000 davon sind Geografen.

Das Projekt Here ist vor allem für Nokia- und Windows-Smartphones konzipiert und steht auf zwei Säulen: der Kartenanwendung Maps (vergleichbar Google Maps) und der Navigationssoftware mit den Namen Drive und Drive Plus. Offene Programmschnittstellen erlauben es Entwicklern, Apps an diese Programme anzudocken – beispielsweise City Lens, das die Navigation mit Augmented-Reality-Elementen ermöglicht. Augmented Reality bedeutet erweiterte Realität: Der Nutzer sieht nicht nur den Straßenverlauf als Bild auf dem Smartphone, sondern auch eingeblendete Hinweise auf Sehenswürdigkeiten, Hotels, Restaurants oder andere interessante Punkte. Wer die schnellste Verbindung mit Bahn und Bus sucht, kommt mit der App „Transit“ schnell ans Ziel.

Moderne Navigationsapps nutzen zahlreiche Quellen, um ihre Nutzer schnellstmöglich ans Ziel zu führen. Echtzeit-Verkehrsinformationen sind inzwischen an die Stelle von langsamen Nachrichten der Staumeldezentralen (TMC) getreten. Dazu werden anonymisierte Daten von Navis und Smartphones zahlreicher Nutzer über das Mobilfunknetz an die Rechner der Navi-Provider übertragen. Diese errechnen daraus, wo der Verkehr fließt und welches die die schnellste Verbindung ist.

„15 Prozent der Reisezeit kann eingespart werden“, sagt Ralf-Peter Schäfer, Verkehrschef des Navigations-Unternehmens TomTom. „Das ist unser Geschäftsmodell, und damit verdienen wir unser Geld.“ Schäfer gilt als einer der Pioniere der modernen Staudetektion – zunächst beim Fraunhofer-Institut für Verkehrssysteme in Karlsruhe, dann seit 2000 beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin.

Nach einem kleinen Pilotprojekt mit 300 Taxen in Berlin, musste Schäfer ins chinesische Ningbo reisen, um zu beweisen, dass mit Bewegungssensoren ausgestattete Autos als Staudetektor genutzt werden können und dazu tatsächlich schneller vorankommen. Im Rahmen eines Pilotversuchs stattete er 2000 Taxen mit einem Telematiksystem aus, welches GPS-Positionsdaten an einen Server funkte, der daraus Staumeldungen errechnete. Dabei stellte sich heraus, dass Taxen mit diesem Sensor und integriert in eine Navigationslösung schneller an ihr Ziel kamen als andere. 2006 wurde Schäfers Technologie, die er seitdem perfektioniert, an TomTom verkauft.

Die TomTom-Stauforscher in den Berliner Treptowers nutzen unterschiedliche Quellen, um das Phänomen Stau zu berechnen. Dazu gehören 250.000 Lkw einer Logistik-Flotte, mit Mobilfunksendern ausgestattete Navigationsgeräte und Mobiltelefone, die anonymisierte Bewegungsprofile an das Unternehmen melden. Daraus und aus den Baustellenmeldungen von Behörden entsteht ein Echtzeit-Staubild der Straßen von insgesamt 70 Ländern.

„Pro Tag werten wir weltweit sieben Milliarden Datensätze aus. Seit 2006 haben wir sieben Trillionen Datensätze gesammelt“, sagt der TomTom-Verkehrsforscher. Bei Nokia sind es 20 Milliarden Echtzeit-GPS-Daten, die im Monat ausgewertet werden. Davon sei fast die Hälfte weniger als eine Minute alt, mehr als 75 Prozent weniger als fünf Minuten.

Solche Daten sind nicht nur für den Autofahrer interessant, der möglichst schnell von der Arbeit nach Hause kommen will. Solche Sammlungen sind auch für Straßenbaubehörden wertvoll: Sie können exakt erkennen, wo die Staugefahr und damit der Ausbaubedarf über die Jahre am größten sind. Die Verkehrsmeldezentrale des Landes Berlin hat deshalb einen zehn Jahre laufenden Vertrag mit TomTom geschlossen. Mit den Staumeldungen in Echtzeit können Anzeigetafeln, Ampeln und variable Tempolimits gesteuert werden können.

Solche Daten sind ein Teil des Geschäftsmodells des niederländischen Unternehmens TomTom, das längst mehr anbietet als Navigationsgeräte bei Mediamarkt und Saturn. „Navigationsgeräte machen noch 50 Prozent unseres Umsatzes aus, der in Europa jährlich um zehn bis zwölf Prozent sinkt“, sagt Schäfer. Um sich auf dem umkämpften Markt zu behaupten, verkauft das Unternehmen verstärkte sein Kartenmaterial (zum Beispiel an Apple) und seine Software (zum Beispiel an Daimler). Die neue S-Klasse ist damit ebenso ausgestattet wie die Karten-App auf dem iPhone. 80 Prozent des europäischen Marktes werden laut Schäfer von TomTom (50 Prozent) und seinem Mitbewerber Garmin (30 Prozent) beherrscht.

Auch für Nokia ist der Handel mit Kartenmaterial ein wichtiger Geschäftszweig. „80 Prozent aller fest installierten Navigationsgeräte arbeiten mit Kartenmaterial von Nokia“, sagt Sprecher Benjamin Lampe. Die Navigationssoftware seines Unternehmens ist im Gegensatz zu TomTom kostenfrei auf Nokia- und Windows-Smartphones verfügbar. Je nach Gerät müssen Kunden aber Kartensätze dazu kaufen.

Einen Trost hat der TomTom-Verkehrsforscher für Autofahrer, die trotz moderner Technik im Stau stehen: „Wenn alle Straßen voll sind, schafft die Prognose zumindest Transparenz“, sagt Ralf-Peter Schäfer. Der Autofahrer hat dann wenigstens die Gewissheit, keine Stauumfahrung übersehen zu haben.