Gründerzeit

Investments: Berlin ist London auf den Fersen

Jürgen Stüber über Warnungen aus London über eine erodierende Investitionsbereitschaft in Start-ups zu investieren

London gilt als die Metropole mit den meisten Investoren in Europa. Das galt viele Jahre als gesetzt und unumstößlich. Doch jüngste Zahlen eines Wagniskapitalgebers und eines Beratungsunternehmen sehen Berlin und Paris im Aufwind.

DFJ Esprit und Go4Venture haben sich Anschluss-Finanzierungsrunden im ersten Halbjahr 2013 angesehen und kommen dabei zu dem Ergebnis, dass London zwar in der Gesamtsumme der Start-up-Investments die Nummer eins in Europa bleibt. Doch in der Zahl der Investments überholt Frankreich Großbritannien und auch Berlin ist den Briten auf den Fersen. 28 Deals mit mehr als fünf Millionen Dollar gab es in diesem Zeitraum in Frankreich, 25 in Großbritannien und 18 in Deutschland (einschließlich Schweiz und Österreich). Dabei berufen sie sich auf Datenmaterial, das sie der Dow Jones Venture Source entnommen haben.

Bei der Zahl der kleinen Deals unter fünf Millionen Dollar haben die Briten mit 49 noch knapp die Nase vor Frankreich mit 46 und Deutschland mit 23. Auch hier sei die Führung der Briten erodiert und der Vergleich zwischen Europa und dem Silicon Valley, wo sich große und kleine Investments ungefähr die Waage halten, sei alarmierend.

Interessanter werden diese Zahlen im Jahresvergleich. So hat London der Studie zufolge seinen historischen Rekord von 85 großen Investments im vergangenen Jahr verfehlt und ist auf 25 in den ersten sechs Monaten dieses Jahres gefallen.

Die Analysten sehen darin ein Signal für das Schwächeln der bislang als robust geltenden Londoner Investorenszene. Sie legen ihrer Regierung nahe, ihre Investitionsförderung SEIS auf größere Finanzierungsrunden auszuweiten. Dieses Programm gewährt Privatinvestoren 50 Prozent Steuernachlass für Investments bis 100.000 Pfund (116.000 Euro). Unternehmen können in dem Programm bis zu 150.000 Pfund (174.000 Euro) an Investments generieren.

Programme anderer europäischer Regierungen (unter anderem der deutschen) werden in London mit Argwohn betrachtet. Simon Cook, Chef von DFJ Spirit, sieht gar die Gefahr, dass London vom Rest Europas überholt werden könnte. 1,8 Milliarden Dollar seien europaweit im ersten Halbjahr in Start-ups geflossen, heißt es in der Studie, davon 656 Millionen in Großbritannien, 399 Millionen in Frankreich und 343 Millionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Dass für einen erfolgreichen Wiederausstieg nach der Gründungs- und Aufbauphase mehr als diese Summen erforderlich ist, zeigt der Transaktionsindex von Go4Ventures. Die im ersten Halbjahr in Europa verkauften Top-Start-ups hatten in der Regel Finanzierungsrunden über 20 bis 100 Millionen Dollar hinter sich. Übrigens: Darunter war mit Joule X (München) nur ein deutsches. Es wurde für 82 Millionen Dollar von Cisco Systems übernommen.

DFJ Esprit ist ein Risikokapitalgeber, dessen Exits in den vergangenen drei Jahren ein Gesamttransaktionsvolumen von 2,3 Milliarden Dollar erreichten. Go4Ventures ist ein in London ansässiges Beratungsunternehmen für europäische Technologieunternehmen.

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