Gastronomie

Erst Tablet, dann Tablett

Auch Restaurants gehen digitale Wege. Vor allem die Systemgastronomie profitiert davon

Wer das „Byte-Burger“ in Berlin-Mitte betritt, kann zunächst keine Besonderheiten bemerken. Die Gäste haben Burger, Pommes Frites und Getränke vor sich stehen. Wer sich jedoch selber an einen der Tische setzt, der entdeckt schnell etwas Ungewöhnliches: Auf jedem der Tische liegen in massive Eisenrahmen eingefasste iPads, die am Tisch festgeschraubt sind. Alle Gerichte und Getränke sind darauf aufgelistet. Anstatt einem Kellner eine Bestellung aufzugeben, kann der Gast einfach auf eines der 20 Gerichte tippen – die Bestellung geht dann direkt in die Küche.

Zusätzlich können auf den iPads in ein Bedienfeld unter den Gerichten Sonderwünsche eingegeben werden. „Ohne Zwiebeln“, oder „richtig durch“. Die Bedienung tritt erst in Erscheinung, wenn sie Essen und Getränke vorbeibringt. „Ist doch wunderbar, wenn ich den Kellner das erste Mal sehe, und der hat gleich das Bier dabei“, findet Torsten Spörl. Er ist Mitinhaber des „Byte-Burger“, und hat die Idee gehabt, insgesamt 80 Tablet-Computer in seinem Restaurant zu installieren.

Unwissende Gäste

Bedeutet das weniger Arbeit für die Kellner? Oder gar, dass Spörl mit weniger Personal auskommen kann? Nicht unbedingt. Denn die Gäste verstehen nicht immer sofort, wie das Gerät funktioniert. Oft müssen die Kellner ihnen erklären, wie man das iPad bedient. Inhaber Spörl nennt das „supportive sale“. Ihm zufolge geht es nicht darum, Personal einzusparen, sondern den Restaurantbesuch zu einem besonderen Erlebnis zu machen. Offenbar ist es für viele ein Erfolgserlebnis. Die häufigste Reaktion auf die mehr als 400 Euro teuren iPads, von denen übrigens bisher noch keines gestohlen wurde, ist nach Auskunft von Bedienung Janine: „Das funktioniert ja sogar!“

Das Geschäftskonzept, das in Japan und den USA schon weit verbreitet ist, findet auch hierzulande immer mehr Nachahmer. Byte Burger war der erste Anbieter, der die Computer so umfassend im Restaurant einsetzte. Vor sieben Wochen eröffnete Vapiano-Gründer Mark Korzilius am Kölner Hohenzollernring sein digitales Grillrestaurant B.Easy. Hier erhält der Gast zusätzlich zur digitalen Speisekarte und Bestellung via Tablet eine Chipkarte, auf die der Rechnungsbetrag gebucht wird, wenn sie vor die in die Tische eingelassenen Tablets gehalten wird. Bezahlt wird am Ausgang.

Ein Massenphänomen ist der Trend zur Bestellung via Tablet noch nicht. Doch die digitale Speisekarte, die ergänzend zur analogen Variante eingesetzt wird, wird schon in vielen Restaurants angeboten. Hier lassen sich Zusatzinfos abrufen, zur Herkunft der Zutaten etwa oder der Zubereitung der Gerichte. Das vegane Restaurant La Mano Verde in Berlin etwa nutzt Tablets als digitale Weinkarte, die den Gästen die Winzer und Anbauregionen näher bringt. Auf den Computern können die Restaurantbetreiber unbeliebte Gerichte unkompliziert von der Karte nehmen, und neue hinzubuchen, ohne dass die Karte umgestaltet oder sogar ersetzt werden muss. „Wenn etwas nicht läuft, brauch ich genau 14 Sekunden, um es zu löschen“, sagt Byte-Burger-Chef Spörl.

Die Zukunft dürfte weitere Innovationen bringen. Mit eigenen Apps oder in der Cloud gespeicherten digitalen Speisekarten sollen Kunden bald auf dem Weg ins Restaurant vom eigenen Tablet oder Smartphone aus bestellen können, um so noch mehr Zeit zu sparen. Außerdem nutzen bereits einige Gaststätten Tablets zur Kundenbefragung.

Die Digitalisierung in der Gastronomie hat auch zu neuen Unternehmensgründungen geführt. Start-ups wie das Berliner Unternehmen 9cookies zum Beispiel, das ein ganzes iPad-Kassensystem entwickelt hat. Damit können Gastronomen für eine monatliche Gebühr von 129 Euro von der Tischreservierung bis zur Bezahlung alles mit dem iPad erledigen. Mit dem System muss der Kellner zwar Bestellungen aufnehmen. Diese kommen aber in der Küche an, sobald er sie ins Tablet eingegeben hat und können so früher bearbeitet werden. Wie andere Anbieter webbasierter Kassensysteme will 9cookies den Restaurants auch zu einem besseren Bestandskundenmarketing verhelfen, indem die Daten gespeichert und ausgewertet werden. Neue Techniken kommen auch bei der Bezahlung zum Einsatz. Mit der Nahfunktechnologie NFC (Near Field Communication) kann der Gast etwa über einen Handychip zahlen, wenn das Gerät in die Nähe der Kasse kommt.

Viele bevorzugen Kellner

Doch nicht alle sind zufrieden mit den Veränderungen. Die Kellner, die ja bei ihrer täglichen Arbeit mit der Digitalisierung der Gastronomie zu tun haben, stören sich weniger daran, dass die Speisekarte auf einer Mattscheibe erscheint. Sie beklagen, dass es vor allem bei der elektronischen Bezahlung für sie ein großes Problem gibt: Kunden, die ohne Bargeld zahlen, hinterlassen auch weniger Trinkgeld. Einer sagt: „Ich frage die Kartenzahler oft, nachdem ich den Betrag genannt habe: was kann ich buchen? Man muss schon manchmal dreist sein.“

Dass die Digitalisierung in der Gastronomie sich nun flächendeckend ausbreiten wird, glauben Experten nicht. Benedikt Wolbeck vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Dehoga sieht digitale Elemente vor allem als Trend der Systemgastronomie und großer Ketten. Der digitale Wandel seien zwar in der Branche zu beobachten, „für normale Restaurants ist der Trend aber noch ein zartes Pflänzchen“, sagt der Gastronomievertreter. Der Kellner gehöre für viele Gäste zur Erfahrung eines Restaurantbesuchs einfach dazu.