Handel

Praktiker in der Zange

Insolvente Baumarktkette will Tochter Max Bahr retten. 12.000 Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet. Gewerkschaft kämpft um möglichst viele Jobs

Schon wieder erschüttert eine spektakuläre Pleite den deutschen Einzelhandel. Nach der Drogeriemarktkette Schlecker im vergangenen Jahr ist nun auch die Baumarktkette Praktiker zahlungsunfähig. Das Unternehmen – bekannt durch seine „20 Prozent auf alles“-Rabattaktionen – hat für acht Tochterfirmen Insolvenz angemeldet, der Antrag für die Praktiker AG folge in Kürze, teilte die Firmenleitung mit. Sie strebe ein sogenanntes Regelinsolvenzverfahren an, um einen Sanierungsplan erstellen zu können. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Christopher Seagon von der Kanzlei Wellensiek in Heidelberg bestellt. Praktiker beschäftigt in Deutschland 12.000 Mitarbeiter. Die Gewerkschaft Ver.di bezeichnete die Insolvenz-Nachricht als Tragödie.

„Existenzielle Tragödie“

Praktiker will die Tochtergesellschaft Max Bahr und die Auslandsfilialen nach Möglichkeit aus der bevorstehenden Insolvenz heraushalten. Das schreibt Vorstandschef Armin Burger in einem Brief an die fast 20.000 Mitarbeiter des Gesamtkonzerns. Für diese Gesellschaften soll kein Insolvenzantrag gestellt werden. Für die börsennotierte Praktiker AG dagegen ist eine Pleite unvermeidbar. Nach einer Krisensitzung erklärte sich das Unternehmen für zahlungsunfähig.

Bei der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di ist von einer „menschlichen und existenziellen Tragödie“ die Rede. Die Arbeitnehmervertreter wollen das bevorstehende Verfahren in Abstimmung mit dem Betriebsrat eng begleiten und für den Erhalt von möglichst vielen Arbeitsplätzen kämpfen. Ziel müsse eine Insolvenz in Eigenverantwortung sein, sagte Stephanie Nutzenberger, die im Bundesvorstand von Ver.di für den Handel zuständig ist. „So können Arbeitsplätze gerettet werden, während bei einer Insolvenz im Regelverfahren die Zerschlagung des Konzerns droht.“

Doch unabhängig von der Art des Insolvenzverfahrens ist die Zukunft von Praktiker offen. „Entscheidend wird sein, wie sich die Kreditgeber verhalten. Wenn sie Max Bahr zu Geld machen, sind die Zukunftsperspektiven des Gesamtkonzerns gleich Null“, sagt ein Analyst. Max Bahr ist derzeit als Sicherheit an Kreditgeber um die österreichische Privatbank Semper Constantia verpfändet. Nach Angaben des Unternehmens waren die Geldgeber bereit, weiteres Kapital zur Verfügung zu stellen. „Jedoch scheiterte der Abschluss an der fehlenden Zustimmung wesentlicher Gläubigergruppen.“ Nach Informationen aus Finanzkreisen zog auch zumindest ein Warenkreditversicherer die Garantien zurück, mit denen Praktiker die Warenlieferungen vorfinanziert. In der Regel liefern Zulieferer dann nur noch gegen Vorkasse – oder die Regale bleiben leer.

Praktiker steckt schon lange in der Krise. Zwar schien das Unternehmen im vergangenen Herbst gerettet. Mit alten und neuen Kapitalgebern hatte sich das Management auf eine Refinanzierung verständigt, die das Unternehmen durch die geplante Restrukturierung bringen sollte, die die Umwandlung eines Großteils der Märkte von Praktiker zu Max Bahr vorsieht. 120 der 230 deutschen Praktiker-Filialen sollten umgebaut werden zu Edelmärkten der Tochtergesellschaft. Die übrigen bleiben Discounter mit weniger Artikeln und kleinerer Fläche. Vor allem Semper Constantia hatte das Konzept unterstützt und sich stark engagiert. Knapp 17 Prozent der Aktien vereint das Institut mittlerweile auf sich, vertreten durch Fondsmanagerin Isabella de Krassny. Durch diese Zusagen hatte schließlich auch die Commerzbank eine Kreditlinie in Höhe von 40 Millionen Euro auf drei Jahre verlängert. Nun allerdings scheint klar, dass die vermeintliche Rettung lediglich aufschiebende Wirkung hatte.

Zum einen funktioniert die Umrüstung nicht. Denn eine Trendwende ist bei Praktiker nicht mal im Kern zu erkennen, sagen Branchenexperten. Noch dazu fehlt der Rückenwind. Die gesamte Branche leidet derzeit unter dem nasskalten Wetter der vergangenen Monate. Praktiker hat im ersten Quartal bereits zehn Prozent Umsatz verloren und dabei einen Verlust von 118 Millionen Euro eingefahren. Aber auch die Branche insgesamt dürfte 2013 kein Erlösplus mehr erzielen.

Das turbulente vergangene Jahr allerdings war nur ein Teil des Überlebenskampfes der Marke mit dem blau-gelben Logo: Schon vor 2005 galt die Kette als ein Problemunternehmen des damaligen Mutterkonzerns Metro. 2005 wollte Deutschlands größtes Handelsunternehmen dieses Problem für sich durch den Börsengang der Selbermacherkette lösen – zunächst aber ohne Erfolg: Der erste Versuch, die aggressiv als Billiganbieter auftretende Firma auf dem Parkett los zu werden, scheiterte. Erst als beim zweiten Ablauf die Ausgabepreise für die Aktie gesenkt wurden und sich die Metro verpflichtete, noch eine Zeit lang als Aktionär engagiert zu bleiben, gelang der Börsengang.

Keine Übernahme durch Obi

Im Anschluss schaffte es Vorstandschef Wolfgang Werner zum Erstaunen vieler in der Branche, durch eine Discounter-Strategie mit Praktiker Marktanteile zu gewinnen und – auch ins Ausland – zu expandieren. Die wesentliche Rolle dabei spielten die immer zahlreicher werdenden Rabattaktionen „20 Prozent auf alles – außer Tiernahrung“, die Umsatz brachten. Als diese Gewinn fressenden Aktionen eingestellt wurden, wurde aus dem Umsatzhammer der Sargnagel: Ohne die Rabatte war die Kette für den Großteil der Kundschaft nicht mehr interessant. Das neue Konzept ging nicht auf, die Umsätze brachen ein und die Verluste stiegen dramatisch.

Die führende Baumarktkette Obi will den kriselnden Konkurrenten Praktiker nicht schlucken. „Wir werden mit Sicherheit keine Kette übernehmen“, unterstrich Karl-Erivan Haub, Chef des Handelskonzerns Tengelmann, zu dem Obi gehört, bei der Bilanzvorlage. Das Exposé zu Praktiker habe man bereits vier Mal auf dem Tisch gehabt. „Es wurde zwar immer preiswerter, aber nicht besser.“ Obi könnte möglicherweise an einigen Standorten interessiert sein. Wie viele Praktiker-Filialen infrage kämen, sagte er nicht.

Hagebau-Geschäftsführer Heribert Gondert hat Interesse an Praktiker-Filialen signalisiert. „Wir haben grundsätzlich Interesse und trauen uns da einiges zu“, sagte Gondert „Handelsblatt Online“. Die Gruppe wolle die Standorte allerdings nicht im Paket übernehmen.