E-Commerce

Der Schwarm als Geldquelle

Berliner starten eine Handelsplattform für Aktien im Internet. Der erste Börsengang soll drei Millionen Euro erbringen

Als Privatier, manche nannten ihn sogar Frührentner, fühlte sich Dennis Bemmann dann doch etwas jung. Nachdem der heute 34-Jährige im Jahr 2007 das mit zwei Freunden gegründete soziale Netzwerk StudiVZ für einen hohen Millionenbetrag verkaufte, unterstützte er zunächst manch Neugründung mit seinem Geld, sah sich als Ratgeber der Start-up-Szene. Doch mehr und mehr stellte ihn diese Rolle nicht mehr zufrieden, wie er sagt. „Ich bin eher einer, der etwas Eigenes machen will.“ Etwas Eigenes hat der Internet-Experte jetzt gefunden: Bemmann wird quasi ein Börsenchef.

Gemeinsam mit dem Finanzfachmann Guido Sandler gründete er Ende 2011 in Berlin die Bergfürst AG. Nun, nach gut eineinhalb Jahren Vorbereitung und manch einer Verzögerung, wird es ernst: Im September sollen die ersten Aktien auf der neu entwickelten Internet-Plattform gehandelt werden. Den Anfang macht Urbanara, ein Online-Händler für Heimtextilien. Das ebenfalls in Berlin sitzende Unternehmen wurde selbst erst 2010 gegründet, der Umsatz lag im Vorjahr bei knapp zwei Millionen Euro, in diesem Jahr sollen es schon knapp fünf Millionen werden. Für das weitere Wachstum braucht Urbanara Geld. Mindestens drei Millionen Euro sollen durch die Ausgabe von Aktien über die Bergfürst-Plattform hinzukommen

Crowdinvesting lautet das Zauberwort. Diese Art der Kapitalbeschaffung, die in den Vereinigten Staaten seinen Ursprung hat, verbreitet sich auch hierzulande. Crowd bedeutet im Englischen Masse oder Schwarm. Crowdinvesting steht im Internet für Finanzierungen, für die sich Internetnutzer zusammentun und im Gegenzug am möglichen Erfolg in Form einer Rendite beteiligt werden. Zu unterscheiden ist davon das sogenannte Crowdfunding. Dabei unterstützen Menschen ein bestimmtes, oft kulturelles oder karitatives Projekt. Als Gegenleistung winkt in diesem Fall keine Rendite, sondern beispielsweise die CD des unterstützten Künstlers oder Eintrittskarten für ein exklusives Konzert – es ist eher als Art Spende zu verstehen. Bergfürst ist nicht der erste Anbieter, der die Masse im Internet mobilisieren und so jungen Wachstumsunternehmen Kapital beschaffen will. Seedmatch und Companisto heißen die Marktführer hierzulande. Insgesamt wurden nach Daten des Online-Portals www.fuer-gruender.de bis Ende Juni knapp zehn Millionen Euro per Crowdinvesting eingesammelt, 80 Unternehmen finanziert. „Im Vorjahr beschafften sich Neugründungen in Deutschland auf diesem Weg immerhin schon rund zehn Prozent ihres benötigten Startkapitals“, sagt René Klein, Geschäftsführer von fuer-gruender.de.

Chance, jederzeit auszusteigen

Bergfürst richtet sich anders als die Konkurrenz nicht an junge Unternehmensgründer. Über die Berliner sollen sich Privatanleger ab einem Betrag von 250 Euro an bereits am Markt etablierten Firmen beteiligen können. Die „Demokratisierung von Venture Capital“, nennt Bemmann dies. Dass Aktien von jungen Unternehmen außerordentlich risikoreich sind, daraus machen die beiden Gründer keinen Hehl. „Deutsche Privatanleger haben aber auch 90 Milliarden Euro in Zertifikaten stecken“, sagt Sandler. Stolz verweist man bei Bergfürst auf die Zulassung durch die Finanzaufsicht BaFin.

Junge Unternehmen müssten zudem, wie bei einer klassischen Börse, vor der Emission einen Verkaufsprospekt bei der Aufsicht einreichen. Um das Risiko zu begrenzen, gebe es auf der Plattform zudem klare Regeln: Über wichtige Ereignisse müssen die Aktionäre beispielsweise ad hoc auf der Internetseite und per E-Mail informiert werden, einmal im Quartal ist ein Rechenschaftsbericht Pflicht. „Zu den Regeln gehört auch, dass das Management seine Anteile frühestens drei Jahre nach der Emission verkaufen darf“, so Sandler. Während Privatanleger sich bei den bereits gestarteten Plattformen über Jahre binden, oft in Form stiller Beteiligungen, wollen die Bergfürst-Gründer Anlegern die Chance geben, jederzeit auszusteigen.

Die Aktien können auf der Plattform gehandelt werden. Auf die neue Quasi-Börse für Wachstumsunternehmen schaut die Gründer-Szene aufmerksam. „Die erste Herausforderung wird darin liegen, die angestrebte Summe überhaupt zusammenzubekommen“, sagt Start-up-Experte Klein. Mit einem Schlag drei Millionen Euro bei Privatanlegern einzusammeln, das sei angesichts des bislang insgesamt investierten Kapitals in Höhe von knapp zehn Millionen Euro ambitioniert.

Bleibt die Frage, ob sich ausreichend Unternehmen melden, die bereit sind, regelmäßig über ihr Geschäft zu berichten und sich ständig an einem Aktienkurs messen zu lassen. Die beiden Gründer begegnen solchen Vorbehalten unter anderem mit den Vermarktungsmöglichkeiten, die nur das Internet bietet. Unternehmen hätten dank der vinkulierten Namensaktien die Anschrift aller Aktionäre und könnten diese als Multiplikatoren nutzen. „Bei 2000 internetaffinen Investoren, die alle sicherlich 100 Freunde bei Facebook haben, hat ein Unternehmen mit einem Schlag 200.000 Kontakte, ohne einen Euro für Marketing ausgegeben zu haben“, rechnet Sandler vor. Noch braucht es offenbar trotzdem viel Überzeugungsarbeit. Waren die beiden Gründer Ende 2012 zuversichtlich, ein Jahr später fünf bis sieben Unternehmen auf der Plattform zu haben, wären sie heute froh, wenn es bis Ende 2013 zumindest zwei oder drei wären.