Medien

Mehr Leser denn je, aber weniger Auflage

Digitales Angebot verhilft Zeitungen zu Rekord-Reichweiten. Der Umsatz ist jedoch gesunken

Die Zeitungen in Deutschland haben mehr Leser als jemals zuvor, gleichzeitig aber ist die wirtschaftliche Lage deutlich schwieriger geworden. Zusammen genommen erreichen die Zeitungen etwa 80 Prozent der Über-14-Jährigen, gab der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) am Dienstag bekannt. 64 Prozent der Unter-30-Jährigen nutzen regelmäßig die digitalen Angebote der Zeitungen, mehr als die Hälfte der Jüngeren liest auch die gedruckten Ausgaben. Bei Führungskräften aus Wirtschaft und Verwaltung stehen die Zeitungen ebenfalls so hoch im Kurs wie noch nie, wie eine jüngst veröffentliche Studie gezeigt hat.

„Die Menschen vertrauen der Marke Zeitung“, nannte der BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff einen Grund für die starke Nutzung. In der Flut der Blogs, Aggregatoren und sozialen Medien stünden die Zeitungsmarken für professionellen Journalismus, dem die Menschen Glauben schenken. Das gelte auch für die digitalen Angebote der Zeitungen, die Nachrichtenquelle Nummer eins im Netz seien.

660 Portale der Zeitungen erreichen mehr als 40 Prozent der Deutschen. Das entspricht 29 Millionen Nutzern. Noch aber fällt es den Verlagen schwer, aus den großen Reichweiten Kapital zu schlagen. Manche versuchen es über bezahlbare Inhalte: Mehr als 40 Titel haben Paid Content eingeführt. Bis Jahresende rechnet der BDZV mit 20 weiteren Titeln. Eine weitere Erlösquelle können Apps sein, über die Nutzer Medienangebote der Verlage nutzen. Von den 450 Apps der Zeitungen sind 290 kostenpflichtig. Zu den Umsätzen und Erlösen bei dieser Vertriebsform konnte der BDZV noch keine Angaben machen.

„Wir sind publizistisch erfolgreich, nach rein kaufmännischen Gesichtspunkten müssen wir dringend aufholen“, sagte Hans-Joachim Fuhrmann, BDZV-Leiter des Geschäftsbereichs Kommunikation und Multimedia. 2012 sei tatsächlich im Stammgeschäft der gedruckten Zeitung „kein erfreuliches Jahr“ gewesen, ergänzte Jörg Laskowski, Geschäftsführer Verlagswirtschaft beim BDZV. Der Gesamtumsatz der Zeitungen ist 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 3,3 Prozent auf 8,23 Milliarden Euro gefallen.

Gründe für die schwierige Lage sind die Rückgänge sowohl bei Anzeigen (minus neun Prozent) als auch bei den Auflagen. Die Gesamtauflage der Zeitungen ging im ersten Quartal 2013 von 23,08 auf 22,23 Millionen Exemplare zurück. Vor allem überregionale Blätter und Straßenverkaufszeitungen haben ein kräftiges Minus verzeichnet, nur die Wochenzeitungen blieben im Vergleich stabil. Angesichts dessen nannte Wolff die Gehaltsforderungen des Deutschen Journalistenverbandes sowie von Ver.di von sechs beziehungsweise 5,5 Prozent „überzogen und wenig zielführend“. Man überlege zudem, ob Verlage in strukturschwachen Regionen andere Tarifbedingungen haben sollten als Unternehmen in wirtschaftlich stärkeren Verbreitungsgebieten.

Eine positive Bilanz zog Wolff im Bereich der Medienpolitik. Zum einen sei das Leistungsschutzrecht verabschiedet worden. Es ermögliche den Verlagen, selbst zu entscheiden, unter welchen Bedingungen ihre Inhalte von Suchmaschinen und Aggregatoren zu gewerblichen Zwecken verwertet werden könnten, so Wolff. Auch die Lockerung der Pressefusionskontrolle sieht Wolff positiv, sie sei „eine moderate Anpassung an die Veränderungen im Medienmarkt“.

Die Verlage hätten zudem europaweit Mitstreiter in der Auseinandersetzung mit Google gewinnen können. Die EU-Kommission würde die wettbewerbsrechtlichen Bedenken teilen und habe Google Marktmacht bescheinigt und festgestellt, dass die Hürden für Konkurrenten sehr hoch seien. Außerdem würde Google die eigenen Dienste, zum Beispiel Google Shopping und Maps, bevorzugen sowie fremde Inhalte unautorisiert verwenden. Der US-Konzern habe zwar Abhilfemaßnahmen vorgeschlagen, diese aber seien „völlig unzureichend“, sagte Wolff.