Autobauer

Daimlers geräuschloser Abschied

Im Berliner Werk sollte eine Fertigung für Elektromotoren gebaut werden. Still wurden die Pläne beerdigt

Groß war die Freude beim damaligen Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke). Er befand: „Das ist eine gute Entscheidung, für Berlin und für die gesamte Region.“ Daimler ließ in einer Mitteilung verbreiten, dass sein Berliner Werk durch die Entscheidung „eine noch bedeutendere Rolle bei der Gestaltung des zukünftigen Antriebsportfolios von Mercedes-Benz“ spielen werde. Doch aus der im Frühjahr 2010 groß verkündeten Elektromotorenfertigung in Berlin wurde nichts. Stattdessen werden die E-Antriebe, die neben Verbrennungsaggregaten in Hybridmotoren arbeiten, im niedersächsischen Hildesheim gebaut. Ganz lautlos hat Daimler seine Berliner Pläne gekippt.

Eine Daimler-Sprecherin betonte am Dienstag, dass das Motorenwerk in Marienfelde mit seiner Komponentenfertigung von großer Bedeutung für das Unternehmen sei. Aber im Konzern habe es eine Entscheidung pro Hildesheim gegeben. Dies hänge auch damit zusammen, dass Daimler den E-Antrieb in einem Gemeinschaftsunternehmen mit der Firma Bosch fertige.

Die Berliner IG Metall sieht in der Entscheidung allerdings keinen Anlass zu größerer Sorge. Das Werk in Marienfelde sei gut ausgelastet, sagt Gewerkschaftsmann Klaus Abel. Im Gegensatz zu den Stammwerken in Sindelfingen und Stuttgart-Untertürkheim müsse Berlin auch keine Sorge wegen des schnell wachsenden Werkes in Peking haben. Allerdings ist nach offiziellen Daimler-Zahlen die Belegschaft in Marienfelde in den vergangenen Jahren geschrumpft: von 2707 im Jahr 2010 auf 2585 Ende vergangenen Jahres.

Dennoch ist es ein Rückschlag für Berliner Hoffnungen auf eine starke Wiederbelebung des Autostandorts Berlin. Den soll, so hoffen es Politik und örtliche Verbände, der Trend zur Elektrisierung bringen. Daimlers Entscheidung aus dem Jahr 2010 macht da Hoffnung. Wenn das Unternehmen hier schon E-Antriebe für Hybrid-Motoren fertigt, so die Überlegung, dann kann das noch viel mehr werden in einer vollelektrischen Autozukunft.

Euphorie ist verflogen

Doch beim Thema Elektromobilität ist jene Euphorie, die noch 2010 herrschte, längst verflogen. Zwar gibt es einen „Nationalen Entwicklungsplan Elektromobilität“. In dessen Rahmen ist Berlin eine von fünf privilegierten Modellregionen. In der Hauptstadt wird mit viel staatlichem Fördergeld (60 Millionen Euro) und weniger Kapital aus der Privatwirtschaft (40 Millionen Euro) allerlei ausprobiert. Zu einem großen Teil werden Carsharing-Projekte bezuschusst.

Zudem wird beispielsweise untersucht, wie elektrisch betriebene Lieferwagen im Alltag eines Unternehmens eingesetzt werden können. Allein in der Hauptstadt wird es beim Thema Elektromobilität schnell unübersichtlich: 150 Projekte soll es geben, wobei 30 „Kernprojekte“ besondere Zuwendung erfahren sollen. Zum koordinieren dieser vielen Projekte wurde eigens die Berliner Agentur für Elektromobilität (Emo) geschaffen.

Da Berlin mit vergleichsweise wenig Autoindustrie aufwarten kann, wäre eine neue Fertigung von Daimler in Marienfelde ein willkommenes Signal gewesen. Immerhin kann nun Erzkonkurrent BMW in der Hauptstadt die elektromobile Führung für sich beanspruchen. Im Spandauer Motorradwerk sollen im kommenden Jahr die ersten elektrisch betriebenen Roller (Elektro-Scooter) gefertigt werden.