Kooperation

Gründen mit Hochschulhilfe

Die Humboldt-Universität eröffnet in Mitte ihr zweites Haus für junge Unternehmen. 80 Prozent der bisher geförderten Firmen überleben

Die Gäste erhielten zur Begrüßung ein Orchideenpflänzchen in einem Laborglas. Es wurde im Labor des Start-ups Nextplant gezüchtet und ist nur wenige Zentimeter groß – Sinnbild für das neue Gründerhaus der Humboldt-Universität (HU) und seine Bewohner, das in Mitte eröffnet wurde. Ihre „Seed-Phase“, die Keimphase, hat die Pflanze überlebt. Jetzt beginnt ihre Zeit als „Start-up“: Die Orchidee soll ausgepflanzt werden und sich in der Natur behaupten. Zunächst unter geschützten Bedingungen, später aus eigener Kraft.

50 Start-ups aus dem Gründungsservice der HU haben diesen Weg bereits beschritten oder zumindest angetreten. Darunter sind bekanntere Namen wie Barcoo, die App für den Vergleich von Lebensmitteln und anderen Produkten. Zehn Millionen Mal wurde das Programm auf Smartphones heruntergeladen. Nutzer scannen einen Barcode und sehen dann Informationen über das Produkt auf ihrem mobiles Gerät. Momentan arbeitet das Unternehmen, das im Januar 2009 startete, daran, wie sich mit dem Programm Geld verdienen lässt – inzwischen von Kreuzberg aus.

Ausgezeichnete Lernfilme

Oder Sofatutor, ein Internet-Videoportal für Nachhilfe, das seit April 2009 online ist: Fast 50.000 Schüler und Studierende haben die Lern-Filme abonniert. Die Plattform konnte schon mehrere Preise einheimsen, unter anderem den Deutschen Bildungsmedien-Preis digita2011. Auch die Berliner Crowdinvestment-Plattform Bergfürst entstand unter dem Dach der HU. „Wir werden noch in diesem Sommer unsere erste Finanzierungsrunde starten“, sagt Mitgründer Dennis Bemmann im Gründerhaus. „Die Finanzaufsicht prüft momentan die Unterlagen.“

Die HU unterstützt seit 2005 Existenzgründer und hat mit ihrer Initiative mehr als 550 Arbeitsplätze geschaffen. Die eigens gegründete Humboldt-Innovation GmbH betreibt bereits seit 2010 ein Gründerhaus im Technologiepark Adlershof mit 52 Arbeitsplätzen. Wegen des großen Andrangs ist jetzt das neue Haus in Mitte dazu gekommen. Dort stehen auf 600 Quadratmetern 32 Arbeitsplätze für derzeit acht frisch gegründete Firmen zur Verfügung. „Bis zu drei Jahre können Start-ups bei uns bleiben“, sagt Humboldt-Innovation-Geschäftsführer Martin Mahn. „Das erste Jahr während des Gründerstipendiums ist kostenfrei, danach zahlen sie Miete.“ Das Gebäude wurde mit viel Eigeninitiative hergerichtet: HU-Angestellte und Gründer packten gemeinsam an.

Die Gründer sind offenbar recht erfolgreich: „45 Unternehmen sind noch aktiv, was einer Überlebensrate von 80 Prozent entspricht“, sagt Mahn. Insgesamt seien zwölf Millionen Euro Wagniskapital in die HU-Ausgründungen geflossen. Jüngstes Mitglied der Gründerfamilie der Humboldt-Universität ist Scolibri: Die Plattform will Lehrer und Schüler verbinden. „Lehrer und Schüler sind ständig online. Nur in der Schule sind sie offline“, sagt Mitgründer Oliver Wilken. Die App, ein kleines Programm für Smartphones, soll diese Lücke schließen und zu einem digitalen Klassenzimmer werden, ein Verwaltungsinstrument für den Lehrer, ein Organisationswerkzeug für die Schüler. Die Gründer gehen nach einem Test im kleinen Kreis optimistisch in die für alle offene nächste Phase. „90 Prozent der Lehrer wollen die App nutzen“, sagt Tobias Hönig. Die Plattform wurde beim Start-up-Wettbewerb „TheEuropas“ im Januar als beste pädagogische App ausgezeichnet.

„Das Gründerhaus ist für uns fast schon ein Lebensmittelpunkt“, sagt Hönig. „Immer wieder tauschen wir mit anderen Teams wertvolle Tipps oder Ideen aus.“ Zum Beispiel mit dem Start-up Tazaldoo, das seit 2012 an der Web-App Tame arbeitet, mit der sich die Nachrichtenflut im Web eindämmen lässt. Ihre Gründer wollten Journalisten werden. Doch dann dachten sie sich, es sei besser, ein Werkzeug für Medien zu erfinden. Tame zeigt Nutzern des Kurznachrichtendienstes Twitter in Echtzeit, was in ihrem Nachrichtenstrom passiert: Welche Themen gerade diskutiert werden, welches die aktivsten Nutzer sind und was die am häufigsten verlinkten Internetseiten.

„Am Tag des Obama-Besuchs in Berlin wurden 30.000 Twitternachrichten zu diesem Thema gesendet“, sagt Mitgründer Torsten Müller. „Diese Menge kann niemand überblicken. Tame filtert die Nachrichten heraus, die in meinem Netzwerk wichtig sind.“ Das Tame-Team gehört zu den ersten Gästen im Gründerhaus, wird aber im Herbst für zunächst drei Monate ins Silicon Valley nach Kalifornien ziehen, um dort an einem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Programm teilzunehmen.

Shoutr, ein anderes Projekt aus dem HU-Gründerhaus, ermöglicht den Datenaustausch zwischen Smartphones ohne Internetverbindung und Mobilfunk. Es geht um eine spezielle WiFi-Technologie, bei der sich die Telefone direkt miteinander in Verbindung setzen. So können Daten aller Art schnell und kostenfrei übertragen werden. Das Programm ist zunächst nur für Mobiltelefone mit dem Android-Betriebssystem verfügbar. Shoutr wurde mit dem 3. Preis beim Businessplanwettbewerb der Investitionsbank Berlin ausgezeichnet.

Auch ein Start-up, das überhaupt nichts mit dem Internet zu tun haben, dafür aber um so mehr mit Technologie, arbeitet im Gründerhaus. Die Biologinnen Simone Brendel und Christina Lange züchten bei nextplant in ihrem In-vitro-Labor winterharte Orchideen. „Aus jeder Zelle kann eine neue Pflanze werden“, sagt Christina Lange. Im Laufe eines Jahres wächst unter Laborbedingungen aus einer Zellkultur ein Setzling heran. „Wir haben eine Methode für die Massenproduktion der Pflanzen unter sterilen Bedingungen entwickelt.“