Unternehmen

Deutschlands unbeliebtester Chefsessel ist wieder frei

Karstadt bestätigt Abgang von Vorstandschef Jennings. Alle rätseln, wer sich den Job antun will

Jetzt hat der angeschlagene Warenhauskonzern Karstadt auch noch ein Führungsproblem: Das Unternehmen bestätigte am Sonntag einen Bericht der „Bild am Sonntag“, nach dem Vorstandschef Andrew Jennings (64) seinen zum Jahresende aus laufenden Vertrag nicht verlängern wird. Der Brite Jennings hatte den Job Anfang 2011 angetreten, wenige Monate nachdem das Unternehmen aus der Insolvenz gekommen war. Karstadt dementierte allerdings, dass Einzelhandelsfachmann Jennings wegen Differenzen mit dem zuletzt häufig kritisierten Eigentümer Nicolas Berggruen über dessen fehlende Investitionsbereitschaft ausscheide. „Nicolas Berggruen und das Management befinden sich über die Fortsetzung der Strategie Karstadt 2015 in Harmonie miteinander und stimmen bei der langfristigen Nachfolgeplanung überein“, heißt es in der Mitteilung des Unternehmens. Jennings werde sich an der Suche beteiligen.

„Diese Nachfolgeplanung ist der normale Geschäftsverlauf“, ließ Berggruen erklären. Wobei das mit dem „normalen Geschäftsverlauf“ bei Karstadt so eine Sache ist: Nach übereinstimmenden Informationen aus der Branche verliert die Warenhauskette seit Monaten massiv Umsatz, angeblich im niedrigen zweistelligen Prozentbereich.

Jetzt kommt zu den Problemen der Kette mit 120 Warenhäusern und 20.000 Mitarbeitern – rund 3000 davon in Berlin – also auch wieder ein Chefwechsel hinzu. Bei der letzten Suche nach dem Retter Nummer eins Ende 2010 mussten Berggruens Dienstleister schon bis nach Südafrika gehen, um jemanden zu finden, der den Job machen wollte. Dort jedenfalls war Jennings zuletzt tätig gewesen, bei der Warenhauskette Woolworth (die nichts mit der deutschen Kette gleichen Namens zu tun hat). Bis er sich am Kap im vorzeitigen Ruhestand wiederfand. Und sich zu Karstadt locken ließ.

Man darf sehr gespannt sein, wo die bereits ausgeschwärmten Headhunter Jennings Nachfolger auftreiben werden. Denn auf der Attraktivitätsskala für deutsch sprechende Manager hat der Karstadt-Job – sagen wir es positiv – eigentlich nur noch Aufstiegs-Potenzial. Denn darunter kommt nicht mehr viel. Zumal jetzt auch das Hoffnungspotential des Neuanfangs mit der Übernahme durch Berggruen 2010 zerstoben ist, mit dem Jennings noch hatte spekulieren können.

Die Kontinuität an der Spitze, die sich so viele Mitarbeiter, Geschäftspartner und Bürgermeister der Standort-Städte wünschen, wird es weiterhin nicht geben – auch das ist irgendwie „normaler Geschäftsverlauf“ bei Karstadt. Vor der Insolvenz 2009 hatten sich bereits Stefan Herzberg, Peter Wolf, Wolfgang Merkel und Wolfgang Urban vom Chefsessel aus an der Karstadt-Rettung versucht. Mit jedem Wechsel kam Unruhe ins ohnehin verunsicherte Unternehmen, immer kamen neue Ankündigungen für eine bessere Zukunft - nur die bessere Zukunft kam nie. Auch nicht unter Andrew Jennings, wenngleich zumindest die großen Karstadt-Häuser heute deutlich professioneller gestaltet wirken als zuvor. Tatsächlich offenbarte der Brite deutlich mehr Handelskenntnisse als die meisten seiner vielen Vorgänger.

Dass Jennings gerade weitere 2000 Stellen gestrichen hat und den verbliebenen Mitarbeitern durch die sogenannte „Tarifpause“ auch noch mögliche Einkommenssteigerung verwehrt - nachdem sie zuvor drei Jahre lang per „Sanierungstarifvertrag“ auf Millionen summen von Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet hatten - war weder noch zukunftsweisend, noch kundenfreundlich. Und es setzt die seit Jahren laufende Demotivation der noch nicht gekündigten Mitarbeiter weiter fort. Aber der finanziellen Not gehorchend blieb der Nummer eins in der Essener Hauptverwaltung wohl nichts anderes übrig.