Gründerzeit

Investmentgespräche sind ein Minenfeld

Jürgen Stüber über das Kleingedruckte in Investitionsrunden und das Wechselspiel zwischen Gründern und Kapitalgebern

Fruitzz, der führende Online-Lieferdienst für frische Obstplatten freut sich, den Abschluss einer Finanzierungsrunde über 750.000 Euro mit Mixed Grill Ventures bekanntzugeben. So könnte eine Unternehmensmitteilung aus der Start-up-Szene lauten und Branchendienste brächen in Jubelmeldungen aus „Berliner Früchte überzeugen VC aus dem Silicon Valley“.

Die Bedingungen, unter denen das Kapital fließt, bleiben gewöhnlich geheim. Nicht so im Fall des Start-ups Fruitzz, dessen bahnbrechende Konservierungstechnologie die Aufmerksamkeit des international agierenden Wagniskapitalgebers (VC) geweckt hatte. Denn die fiktive Vertragsverhandlung fand öffentlich statt, in einem „Term Sheet Battle“ genannten Rollenspiel. Fruitzz-Gründer Naren nebst Anwalt Matthias und Mixed-Grill-Partner Christian saßen sich gegenüber. Im echten Leben ist Naren Gründer der Reisesuchmaschine GoEuro, Partner der Anwaltssozietät Lindenpartners und Christian Mitgründer des Venture-Capital-Unternehmens Earlybird. Verhandelt wurde das Term Sheet, ein Vorvertrag, der stets den Rahmen eines Investitionsabkommens definiert.

Zum ersten Streit kam es bei der Bewertung des Start-up, Mixed Grill hielt drei Millionen Euro für angemessen, Fruitzz fünf Millionen. Naren pokerte mit anderen Investorenangeboten und Wachstumszahlen, Christian hielt dem Gründer die fehlende internationale Skalierung und die Zahl der Mitbewerber vor. „Wenn ich zustimme, bin ich nach der Finanzierungsrunde Minderheitsgesellschafter“, so Naren.

Ohne Ergebnis ging es ans Eingemachte. Der Investor wollte die Summe in Tranchen auszahlen, wenn Meilensteine erreicht werden: jeweils bei der Verdopplung von Verkaufszahlen, Umsatz und Gewinn. Laut Term Sheet sollte das ohne Einfluss auf die Bewertung des Unternehmens bleiben. Unakzeptabel für den Gründer. Weiter ging es mit Optionsrechten, Liquidationsvorzügen beim Exits, Verwässerungsklauseln bei Kapitalerhöhung, Vorkaufsrechten und Haftungsfragen.

Immer wieder sah sich der Gründer mit Forderungen des Kapitalgebers konfrontiert, ihm Unternehmenswerte und Entscheidungskompetenz zu übertragen. Der VC setzte alles daran, sein Investment abzusichern und seinen Einfluss des Start-up zu maximieren.

Am Ende der ersten Finanzierungsrunde hätte der Gründer noch 29,9 Prozent der Anteile von fruitzz besessen. Im Falle eines erfolgreichen Exits hätte er trotzdem einen guten Schnitt gemacht. Beim Misserfolg hätte der VC Chancen gehabt, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen und dem Gründer das letzte Hemd zu nehmen.

Matthias Birkholz hatte das Term Sheet verfasst und darin Elemente aus echten Investmentverträgen verarbeitet, mit denen er als Anwalt zu tun hatte. „Wenn Start-ups mit VCs verhandeln, treffen Welten aufeinander“, sagt er. Bei den Vertragsverhandlungen gebe es ein hohes Gefälle an Know-how. „Der VC geht ein hohes Risiko ein und verfolgt natürlich seine eigenen Interessen“, räumt der Anwalt ein. „Die jungen Entrepreneure sind so freudig, dass sie einen VC für ihre Idee begeistert haben“, mahnt er Gründer zu Vorsicht. „Sie müssen eine Balance zwischen Stolz und Blindheit finden.“

Die Term Sheet Battle war ein Gewinn für alle Beteiligten: für Gründer als Tutorial, in dem sie lernten, was sie beim VC erwartet. Und auch für den VC, der Zeit, Geld und Nerven spart, wenn er auf informierte Gründer trifft.

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