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Auszeichnungen für die besten Berliner Ausbildungsbetriebe vergeben. Firmen ringen immer mehr um qualifizierte Azubis

Dass Martin Keune mit seinem Unternehmen am Donnerstag den Sonderpreis im Wettbewerb „Berlins beste Ausbildungsbetriebe“ von IHK Berlin und Handwerkskammer erhalten hat, liegt an Alexander Abasov, der nicht länger in der Behindertenwerkstatt arbeiten wollte. Abasov fuhr mit seinem Rollstuhl bei Keune im Büro vor und fragte nach einem Praktikum. Keune ist Inhaber der Werbeagentur Zitrusblau und jemand, der sich auf neue Erfahrungen einlässt. Zwar kann der Spastiker Abasov lediglich seine rechte Hand einigermaßen koordiniert bewegen. Und Keune ist einer, der von sich sagt: „Für Behindertenpolitik habe ich mich nie interessiert.“ Dafür macht Keune einfach, statt zu schwadronieren.

So kommt es, dass der ehemalige Praktikant Abasov seit anderthalb Jahren eine Ausbildung zum Mediengestalter durchläuft. Im Rückblick hätte Keune das fast bereut. Was nichts mit Abasov zu tun hat, der sich wirklich gut macht. Keune und sein Lehrling mussten aber große Klippen aus dem Weg räumen, die von Behörden aufgestellt wurden. Nur, um das zu tun, was Ziel der Politik ist: Inklusion, die Integration Behinderter in den Alltag auch im Büro.

„Eigentlich dachte ich, dass wird schon laufen. Aber ich habe unterschätzt, wie schwierig es werden kann, wenn verschiedene Behörden mitreden dürfen“, sagt Keune. Letztlich mussten Staatssekretäre in den Amtsstuben ein Machtwort sprechen, damit Abasov seine Lehre beginnen durfte. Deshalb möchte Keune nun nicht als Vorzeige-Inklusions-Unternehmer herum gezeigt werden.

Doch diese Auszeichnung nimmt er natürlich an: Für seinen Einsatz bekam Zitrusblau den Sonderpreis des Wettbewerbs „Berlins Beste Ausbildungsbetriebe“ von Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) verliehen. Die weiteren Preisträger, die auf den „Tagen der Berufsausbildung“ ausgezeichnet wurden, sind Black Box Music (Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern) und Hornbach (mehr als 50 Mitarbeiter). Der Wettbewerb findet zum neunten Mal statt. Prämiert werden dabei Unternehmen, die sich in besonderem Maße dem Nachwuchs in den Betrieben widmen.

Schwierige Nachwuchssuche

In Berlin gibt es gerade eine Debatte, ob die Wirtschaft der Stadt genügend Jugendlichen eine Chance gibt. Hintergrund sind Zahlen der Ausbildungsstatistik, wonach der Anteil der Lehrlinge gemessen an der Anzahl der Beschäftigten in keinem Bundesland so gering ist (4,3 Prozent) wie in Berlin. Die Politik klagt über zu wenig Engagement der Wirtschaft. „Jeder muss seine Verantwortung für den Ausbildungsmarkt übernehmen. Die Berliner Wirtschaft tut es: 70 Prozent der ausbildenden Unternehmen sind laut einer IHK-Umfrage bereit, auch lernschwächere Jugendliche in eine Ausbildung zu integrieren“, sagte dagegen IHK-Präsident Eric Schweitzer. Dennoch falle es vielen Unternehmen schwer, geeigneten Nachwuchs zu finden. „Betriebe suchen händeringend junge Fachkräfte, und gehen doch oftmals und zunehmend leer aus, auch wenn sie ihre Anforderungen an Bewerber bereits senken“, betonte Schweitzer.

Handwerkskammer-Präsident Stephan Schwarz sieht eine große Chance, qualifizierten Berufsnachwuchs zu finden, in den Möglichkeiten zur Vorabinformation, wie auf den „Tagen der Berufsausbildung“. „Als angehender Azubi kann man sich hier umfassend informieren. Wir möchten den engagierten Unternehmen helfen, ihre angebotenen Plätze auch zu besetzen“, sagte Schwarz. Die Messe verzeichnete in diesem Jahr mit 12.000 Besuchern eine Rekordteilnahme.

Gerade der Wettbewerb zeigt, wie viele außerordentlich engagierte Firmen es in der Berliner Wirtschaft gibt. Black Box Music etwa, Technikspezialist für Bühnen-Events, der zum Beispiel dafür sorgt, dass es bei den Shows von Rammstein angemessen kracht und blitzt und der Sound hinreichend brachial aus den Lautsprechertürmen bläst. Darüber hinaus kümmert sich Thilo Goos, Gründer und Geschäftsführer des Spezialisten für Veranstaltungstechnik, um seinen Nachwuchs. Mehr als jeder dritte Black-Box-Mitarbeiter ist ein Azubi, derzeit sind es 17 von 48 Mitarbeitern.

Bei Black Box werden Fachkräfte für Veranstaltungstechnik und Lagerlogistik sowie Veranstaltungskaufleute ausgebildet. Demnächst kann man dort auch Koch lernen. In Wilhelmsruh haben die Veranstaltungstechniker auch Hallen, in denen Musiker ihre Bühnenshows proben können – Catering inklusive. Die Azubis von Black Box profitieren von Austauschprojekten, beispielsweise mit der Deutschen Staatsoper, und sie werden schon mal für mehrere Wochen auf Musikfestivals nach England geschickt. Wer in der Berufsschule Probleme hat, bekommt individuelle Nachhilfe.

Vergleichbares bietet auch die Baumarktkette Hornbach. Mit einem Bildungsträger hilft man lernschwachen Lehrlingen. In den fünf Märkten der Hauptstadt sind rund 50 Azubis beschäftigt. Hornbach bietet den Jugendlichen zusätzlich zur Berufsschule interne Weiterbildungskurse. Zudem hat das Unternehmen sein Auswahlverfahren umgestellt und sichtet die Bewerber nicht nur nach dem Kriterium der Schulnoten. Hornbach engagiert sich in Regionalen Ausbildungsverbünden (RAV) von Marzahn und Lichtenberg und beteiligt sich an der Aktion „Berlins Wirtschaft braucht Dich“. Dabei werben Unternehmen bei Migranten für eine Ausbildung.

Aber niemand weiß den Wert einer Ausbildung und der damit verbundenen Chance wohl mehr zu schätzen als Martin Keunes Lehrling in der kleinen Agentur Zitrusblau. Alexander Abasov bekommt nun statt 120 Euro in der Behindertenwerkstatt rund 700 Euro als Azubi. Und sein Chef kann sich gut vorstellen, ihn nach der Ausbildung weiter zu beschäftigen.