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ResearchGate wächst mit Millionen von Bill Gates

Das Berliner Netzwerk, eine Art Facebook für Forscher, will sein Angebot ausbauen und auch Geld verdienen

Knapp anderthalb Stunden Zeit hatte sich der ehemalige Microsoft-Chef genommen, als er den Gründer des Berliner Forschernetzwerks ResearchGate vor zwei Monaten in Frankreich empfing. Das ist lang für einen Prominenten wie Bill Gates. „Er ist viel smarter, als man ihn aus den Medien kennt. Er ist sehr intelligent und brauchte nur Sekunden, um meine mitgebrachten Charts zu verstehen“, sagte Ijad Madisch jetzt rückblickend in Berlin. Den Kontakt zum Microsoft-Gründer hatte Matt Cohler vom ResearchGate-Investor Benchmark Capital über den wissenschaftlichen Berater von Gates hergestellt.

Dann ging alles ganz schnell: Am Dienstag konnte das Berliner Start-up bekanntgeben, dass Gates und andere Fonds aus dem Silicon Valley 35 Millionen Dollar (27 Millionen Euro) in das Online-Netzwerk für derzeit 2,9 Millionen Wissenschaftler investieren. Es war bereits die dritte Runde, bei der ResearchGate Geld einsammelte. Diesmal liefen bei Madisch die Telefone heiß. Zahlreiche Investoren wollten bei ResearchGate einsteigen. „Bei Kapitalgebern gibt es einen Herdentrieb“, sagt Madisch und erinnert sich an früher, als die gleichen Leute das junge Forschernetzwerk belächelten.

Der Gründer, der in Hannover und Harvard studierte, beschreibt die Funktionsweise der Plattform am Beispiel eines italienischen Wissenschaftlers, der die tödlich verlaufende Herzkrankheit EFE erforschen wollte, aber nicht nach Afrika reisen konnte, wo sie verbreitet ist. Über ResearchGate fand er einen nigerianischen Arzt, der ihm nach dem Tod eines Kleinkindes Proben für seine Forschung senden konnte. Dadurch wurde ein neuer Typ des Erregers entdeckt. Die Forschungsergebnisse stehen allen Wissenschaftlern zur Verfügung – sofort und kostenfrei. Im herkömmlichen Wissenschaftsbetrieb wären Monate bis zur Veröffentlichung verstrichen.

„Bei ResearchGate gibt es viele solcher Erfolgsgeschichten, weil Leute zusammenarbeiten“, sagt Madisch. Er will die Einstellung der Forscher verändern und die Stukturen des herkömmlichen Wissenschaftsbetriebs demokratisieren, in dem nur Erfolge veröffentlicht werden. „Wir wollen alle Datensätze sozialisieren“, sagt er. „Man darf hier nicht zwischen Erfolg und Misserfolg unterscheiden.“ Denn aus dem Misserfolg eines Forschers lernen alle anderen.

Madisch will ResearchGate mit dem frischen Kapital erweitern. „Wir wollen die Plattform öffnen, so dass andere mit unseren Daten neue Programme entwickeln können“, sagt der Gründer, der ResearchGate zum grundlegenden Kommunikationswerkzeug aller Wissenschaftler weltweit machen will. Die Server-Ausstattung des Unternehmens soll dem exponentiellen Wachstum der gespeicherten Publikationen angepasst werden.

Neben der bereits existierenden Stellenbörse mit 15.000 Angeboten will ResearchGate einen transparenten Marktplatz für die wissenschaftliche Forschung aufbauen. „Wir wollen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Wissenschaftler bessere Entscheidungen treffen können“, sagt Madisch. Denkbar sei, dass Wissenschaftler über ResearchGate Zellkulturen kaufen können. Werbung solle es allerdings nicht geben, auch wenn damit viel Geld verdient werden könnte.

Auf die Idee zu ResearchGate kam Madisch 2007, als er vor seiner Dissertation zum Arzt bei einem Problem nicht weiter kam. 2008 begann er, sein soziales Netzwerk für Forscher aufzubauen. Das war nicht einfach. Sein Professor in Hannover tat die Idee als „Firlefanz“ ab. Madisch kündigte, ging nach Harvard zurück und fand dort Unterstützer. Er siedelte die junge Firma in Berlin an und entschied sich gegen das Silicon Valley.

ResearchGate gehört inzwischen neben dem Audiostreamingdienst Soundcloud und dem Spieleentwickler Wooga zu den drei wichtigsten Berliner Start-ups. „Gates hätte nicht investiert, wenn wir kein funktionierendes Produkt präsentiert hätten“, sagt er. Von ihm und seinen Beratern erhofft sich der Gründer Hilfe auf dem Weg zum Weltmarktführer.