Medizin

Ärzte gefährden Gesundheitskarte

Mediziner verlangen Korrekturen an dem Prestige-Projekt. Sie bemängeln zu viel Bürokratie

Über die elektronische Gesundheitskarte ist erneut ein Streit entbrannt. Die Kassenärzte lehnen es ab, bei der Betreibergesellschaft Gematik und in den Testregionen der elektronischen Gesundheitskarte mitzuarbeiten, „wenn diese weiterhin nur an den Interessen der gesetzlichen Krankenkassen ausgerichtet“ sei. Notfalls solle die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) auch die Auflösung der Gematik einfordern, beschlossen die Vertreter der Kassenärzte in Hannover. Die KBV vertritt die politischen Interessen der rund 153.900 niedergelassenen und ermächtigten Ärzte und Psychotherapeuten in Deutschland.

Die Absicht des Gesetzgebers, die Kommunikation zwischen Praxen, Krankenhäusern und Ärzten sowie zu den Versicherten zu verbessern, spiele kaum noch eine Rolle, klagte KBV-Chef Andreas Köhler. „Wenn das Ganze nur dazu dient, Verwaltungsaufgaben der Krankenkassen in die Praxen zu verlagern, dann ist das nicht im Sinne des Patienten.“ Verflogen sei auch die Hoffnung auf Bürokratieabbau. Die Ärzteschaft werde nun parallel ihren eigenen Weg gehen und bestehende Netzinfrastrukturen der Kassenärztlichen Vereinigungen ausbauen, kündigte Köhler an. An der Gematik sind die Spitzenorganisationen des deutschen Gesundheitswesens beteiligt. Sie soll die Telematikinfrastruktur im Gesundheitswesen inklusive elektronischer Gesundheitskarte einführen.

Einen Tag vor dem Ärztetag in Hannover berieten die Kassenärzte auch darüber, die ambulante Versorgung zu stärken, die künftig durch die zunehmende Alterung der Bevölkerung noch wichtiger werden dürfte. KBV-Vorstand Regina Feldmann sagte, der Bedarf in der Primärversorgung werde bis 2020 im Vergleich zu 2000 um 20 Prozent steigen. Hinzu kommt: In den nächsten zehn Jahren scheiden 42 Prozent aller Hausärzte altersbedingt aus. Doch die ambulante Grundversorgung werde zunehmend vernachlässigt. Der Kontakt zur Basisversorgung werde durch die Spezialisierung in der Ausbildung in den Hintergrund gedrängt. „Die Auswirkungen in der Zukunft werden verheerend sein“, warnte Feldmann.

Die Folgen seien schon heute messbar: Ärzte und Kommunen fänden keine Nachfolger für ihre Praxen. Am Ende des Studiums können sich zwar noch über 30 Prozent der Studenten eine Tätigkeit als Hausarzt vorstellen. Tatsächlich beträgt der Hausarztanteil aber nur elf Prozent. „Wir brauchen endlich wieder ein vernünftiges Verhältnis zwischen Spitzenmedizin, Forschung und Basisversorgung“, forderte Feldmann. So sollen Hausarzttätigkeiten künftig schon im Studium eine größere Rolle spielen.

Auch das Auswahlverfahren zum Medizinstudium soll überprüft werden. „Was sagt die Tatsache, dass ein Schulabgänger einen Abiturdurchschnitt von 1,0 hat, eigentlich darüber aus, ob er oder sie ein guter Arzt wird?“, fragte Feldmann. Es stelle sich die Frage, „ob wir mit solchen Kandidaten auch diejenigen gewinnen, die später beispielsweise eine Hausarztpraxis auf dem Land führen wollen.“ Sie regte an, junge Menschen, „die für den Arztberuf brennen“ und sich durch soziales Engagement auszeichnen, zum Medizinstudium zuzulassen, auch wenn sie keine Eins vor dem Komma haben.

Das Thema Ärzteweiterbildung wird auch den 116. Deutschen Ärztetag beschäftigen, der an diesem Dienstag in Hannover beginnt. Schwerpunkt ist die künftige Finanzierung des Gesundheitswesens.