Medizin

Mehr Schutz vor falschen Tabletten

Die Pharmabranche will für sichere Arzneimittel sorgen und warnt Patienten vor dubiosen Quellen im Internet

Angesichts Hunderttausender Arzneimittelfälschungen richten die deutschen Pharmafirmen und Apotheken ein System zum Schutz für die Patienten ein. Bei dem sogenannten Securpharm-System wird jede Packung mit einem Code bedruckt und so bei der Abgabe an den Patienten automatisch überprüft, wie die bei Securpharm zusammengeschlossenen Verbände am Donnerstag in Berlin mitteilten. Es sind die Herstellerverbände BAH, BPI und vfa, der Großhandelsverband Phagro und der Apothekerverband Abda.

Sorgen macht den Behörden allerdings weniger der ohnehin sehr sichere legale Vertriebsweg über deutsche Apotheken oder Versandapotheken, sondern der illegale Markt vor allem im Internet – rund die Hälfte der dort angebotenen Medikamente dürfte gefälscht sein. Rund ein Fünftel der Fälschungen enthält Stoffe, die zu körperlichen Schäden führen können. Die deutschen Zollfahnder haben allein 2012 rund 321.000 gefälschte Arzneimittel im Wert von 4,8Millionen Euro beschlagnahmt. An den Außengrenzen der Europäischen Union wurden 2010 rund 3,2 Millionen gefälschte Medikamente aufgegriffen, die Dunkelziffer liegt aber deutlich höher. 93 Prozent der bekannt gewordenen Fälschungen stammen aus Indien, fünf Prozent aus China und ein Prozent aus Hongkong.

Bei Drogen wie Heroin und Kokain beläuft sich die Gewinnspanne auf das rund 25-Fache. Gefälschte Medikamente übertreffen dies um ein Vielfaches, sie können Gewinnspannen von mehr als dem 200-Fachen erzielen. Totalfälschungen innerhalb der legalen Vertriebskette sind dagegen nach Angaben der Hersteller nach wie vor „seltene Ausnahmen“.

21 Millionen Euro Kosten

Die bereits hohe Sicherheit der legalen Vertriebskette werde weiter verbessert, sagte Securpharm-Chef Reinhard Hoferichter. Seit fünf Monaten laufe das Sicherheitssystem in einem Test, so die Verbände. Beteiligt hätten sich mehr als 280 Apotheken und 24 Pharmaunternehmen. 3,8 Millionen Packungen wurden mit den neuen Codes versehen. Das System habe sich als praxistauglich erwiesen. Bis 2017 soll es flächendeckend aufgebaut sein. Das deutsche System ist nur ein Baustein für ein europäisches Netzwerk, betonten die Verbände. Securpharm rechnet mit Kosten von drei Cent je Packung. Bei rund 700 Millionen abgegebenen Packungen kämen so 21 Millionen Euro im Jahr zusammen.

Bei Unstimmigkeiten bekämen die Patienten eine andere Packung des gleichen Medikaments, hieß es. Die beanstandete Packung werde einbehalten, der Fälschungsverdacht untersucht. Grundlage ist eine EU-Fälschungsrichtlinie, die vorschreibt, dass jede Packung ab 2017 Sicherheitsmerkmale tragen muss, mit denen sie auf Echtheit geprüft werden kann. Die Richtlinie sieht aber auch mehr Kontrollen von Arzneimittel- und Wirkstoffherstellern außerhalb der Europäischen Union vor.

In den Entwicklungsländern sind nach Einschätzungen der Weltgesundheitsorganisation bis zu 30 Prozent der vertriebenen Arzneimittel Fälschungen. Die meisten gefälschten Medikamente sind dort Antibiotika oder Arzneimittel für Chemotherapien sowie schmerz- und entzündungshemmende Mittel. In hoch entwickelten Ländern wie Deutschland, Japan und den USA liegt der Anteil der Fälschungen dagegen unter einem Prozent. Wer aus diesen Ländern in Entwicklungsländer reist, sollte deshalb Medikamente aus der Heimat mitbringen, empfehlen Experten. Aber auch in Deutschland hatte die Zahl der Fälschungen in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

Vor allem unter Lifestyle-Produkten wie Potenz- oder Haarwuchsmitteln, aber auch unter Aids- und Krebsmedikamenten oder Antibiotika würden immer wieder Fälschungen gefunden. Die Spannbreite reicht von Präparaten in gefälschter Verpackung bis zu Mitteln ohne Wirkstoff. „Wer verschreibungspflichtige Medikamente ohne Rezept auf den Cayman-Inseln bestellt, sollte sich überlegen, ob diese wirklich echt sind“, warnt Securpharm-Sprecher Joachim Odenthal. Mit Arzneimittelfälschungen hatte sich auch die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) auf dem Internistenkongress im April beschäftigt. „Gefälschte Präparate verursachen einerseits erheblichen wirtschaftlichen Schaden und Einkommensverluste der pharmazeutischen Industrie“, sagt DGIM-Generalsekretär Ulrich R. Fölsch. „Vor allem aber stellen gefälschte Medikamente eine Gefahr für die Gesundheit von Menschen dar.“

Die bisher bekannt gewordenen Fälle von Fälschungen in der legalen Vertriebskette in Deutschland betrafen vor allem illegale Reimporte – das sind Arzneimittel, die für ein Land außerhalb der EU bestimmt waren, dort aber illegal umgepackt und dann in den deutschen Markt eingeschleust wurden. Auch wenn nur die Packung „gefälscht“ sei, könne ein solches Medikament dennoch ein Gesundheitsrisiko für den Patienten darstellen, warnt der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa). Denn das Arzneimittel sei den üblichen Kontrollen entzogen, es könne zu Verwechslungen kommen oder falsch gelagert werden.

Ob es sich um ein gefälschtes Präparat oder das Original handelt, ist für Verbraucher und Patienten nur schwer zu unterscheiden. Täuschend echt ahmen Händler Verpackung und Aussehen der Tabletten nach. Mediziner raten von der Einnahme ab, wenn allein der Beipackzettel fehlt. Auch eine ungewöhnliche Farbe der Medikamente könne auf eine Fälschung hinweisen.