Internet

Yahoo schluckt Bloggerportal Tumblr

Der US-Internetkonzern lässt sich die dringend nötige Verjüngungskur 1,1 Milliarden Dollar kosten

Der Internetpionier Yahoo muss sich angesichts seines schleichenden Nutzerschwundes um jeden Preis verjüngen. Deswegen investiert der Konzern nun 1,1 Milliarden Dollar (860 Millionen Euro) in das New Yorker Bloggerportal Tumblr. Yahoos Verwaltungsrat stimmte dem Geschäft einstimmig zu. Der Kauf soll in der zweiten Jahreshälfte vollzogen werden.

Das Geschäft ist der erste große Einkauf der neuen Yahoo-Chefin Marissa Mayer und gilt als wegweisend für ihre Strategie: Mit seinem wilden Mix aus nutzergenerierten Inhalten und seiner mehrheitlich zwischen 14 und 30 Jahre alten Nutzergemeinde könnte Tumblr genau das richtige Jugendelixier für Yahoo sein. Dessen Werbeumsätze stagnierten im vergangenen Quartal trotz der rigorosen Renovierung, die das Portal unter Mayers Regie durchläuft.

Mayer setzt große Hoffnungen in den Zukauf: „Tumblr wird eine signifikante Zahl neuer Nutzer zu Yahoo bringen“, sagte die Konzernchefin auf einer Telefonkonferenz. Durch die Übernahme soll die Zahl der Nutzer um 50 Prozent auf mehr als eine Milliarde Besucher pro Monat steigern. Der Traffic, also die Zugriffe auf die Web-Seite, werde sich um 20 Prozent erhöhen, behauptete Mayer. Besonders interessant sei für Yahoo auch, dass bereits die Hälfte aller Tumblr-Kunden die Plattform auf ihren Handys benutzten. Auf diesem Gebiet könne Yahoo eine Menge von Tumblr lernen.

Für die alten Tumblr-Kapitalgeber ist das Geschäft ein großer Gewinn: Risikokapitalgeber-Fonds wie Union Square Ventures, Sequoia Capital, Greylock Partners und Insight Venture Partners hatten in den vergangenen Jahren 125Millionen Dollar auf Basis stets steigender Bewertungen investiert und werden ihren Einsatz jetzt teils verzehnfachen. Tumblr-Gründer David Karp, 26, kann sich mit seinem geschätzten Anteil von 220 Millionen Dollar in die Riege der Internetmillionäre einreihen.

Tumblr soll zunächst als eigenständige Marke bestehen bleiben, auch soll das Management-Team um Karp vorerst ohne größere Einflüsse von der Yahoo-Spitze weiterwerkeln. „Wir haben versprochen, keinen Mist bei Tumblr zu bauen“, sagte Mayer. Karp sei sehr wichtig für den Erfolg von Tumblr. US-Medienberichten zufolge soll sich der Manager dazu verpflichtet haben, seine Blogger-Plattform mindestens vier weitere Jahre zu begleiten. Yahoo will Tumblr nur an die eigene Werbevermarktungs-Maschinerie andocken.

Tumblrs Werbeeinnahmen sehen bislang und besonders angesichts des Übernahmepreises eher mickrig aus: Gerade einmal 13 Millionen Dollar nahm die Plattform dem Magazin „Forbes“ zufolge 2012 ein. Doch für Mayer geht es nicht um Werbeumsätze, sondern um die Inhalte von Tumblr: 107 Millionen Microblogs mit insgesamt mehr als 50Milliarden Beiträgen sind dort beheimatet, 300 Millionen Nutzer schauen regelmäßig vorbei. Jede Sekunde werden bis zu 900 neue Einträge veröffentlicht.

Besonders die immens hohe Zahl der Beiträge zeigt, wie gut das simple Prinzip der Plattform bei den Nutzern ankommt: Wer ein Tumblr-Blog einrichtet, muss vorab alle Urheberrechte an den dort eingestellten Inhalten aufgeben – dann können andere Nutzer mit einem Klick Inhalte, die gefallen, in ihre eigenen Blogs übernehmen. Wer registriert ist, bekommt Inhalte automatisch zusammengestellt auf einer Sammelseite angezeigt und kann sie einfach für sich übernehmen und so weiterempfehlen. So entsteht der wilde Mischmasch aus Bildern, Kurztexten und Videos, mit dem Tumblr besonders in der jüngeren Nutzergruppe gut ankommt.

Damit bringt Tumblr all das mit, was Yahoo derzeit fehlt: eine junge, aktive, schnell wachsende und für Werbekunden attraktive Nutzergemeinde, nutzergenerierte Inhalte und das coole Image, nach dem Yahoo-Chefin Mayer seit ihrem Antritt 2012 strebt. Ein Haken: Tumblr hat ein enormes Copyright-Problem, denn bislang stellen die Tumblr-Nutzer fröhlich Millionen Bilder und Textschnipsel in ihre Blogs, für die sie teils gar keine Urheberrechte besitzen. Weil Tumblr sich diese Inhalte zu eigen macht, indem die Plattform sie den übrigen Nutzern zum Weiterverbreiten überlässt, drohen teure Rechtsstreitereien für den neuen Eigner Yahoo. Der zweite Haken: Ein erheblicher Anteil der Inhalte auf der Plattform besteht aus ungehemmt weiterverbreiteter Pornografie. Derlei Umgebung für ihre Anzeigen aber dürfte konservative US-Werbekunden eher abschrecken.

Wer das und die Diskrepanz zwischen Kaufpreis und Umsätzen nun bemängelt, der sollte einen Blick auf Geschäfte der Konkurrenz in den vergangenen Jahren werfen: Google kaufte 2006 für 1,6 Milliarden Dollar jede Menge Videos zweifelhaften Ursprungs in Form von YouTube, Facebook erwarb im vergangenen Jahr das Foto-Start-up Instagram für eine Milliarde Dollar. Alle Übernahmen haben gemein, dass die Käufer nicht nur für die Inhalte oder das Umsatzpotenzial, sondern vor allem für die aktive Nutzergemeinde bezahlten. Gemessen daran ist Tumblr geradezu günstig.

Sowohl Google als auch Facebook können allerdings gelassen Milliarden verbrennen – Mayer dagegen kann es sich nicht leisten, ihre Reserven zu verschleudern. Sollte die Integration von Tumblr scheitern – sei es, weil die Nutzer Yahoo uncool finden, sei es wegen des Urheberrechts –, hätte sie eine wichtige Chance vertan. Schlimmer noch, sie hätte wertvolle Zeit beim Umbau von Yahoo verloren. Deswegen muss die Eingemeindung der Nutzer aus der wilden Ecke des Web in den konservativen Konzern unbedingt gelingen. Um ihre Pornosammlungen müssen sich die Tumblr-Kunden also vermutlich vorerst keine Sorgen machen.