Musik

Stereoanlagen für den Preis von zwei Ferraris

Die High End Hifi-Messe in München zeigt, dass echten Musikfans nichts zu teuer ist und von einer Krise keineswegs etwas zu spüren ist

Natürlich kann man auch mit seinem Smartphone Musik hören. Oder dem blechernen Scheppern seines Weckradios lauschen. Aber wem weder das noch eine ganz normale Musikanlage reicht, wer das letzte Quentchen an Kontrolle, Autorität, Natürlichkeit und Transparenz gepaart mit ordentlich Tiefbassfähigkeit aus seinen Musikaufnahmen herausholen möchte, der kann dafür Zehntausende oder gar Hunderttausende Euro hinlegen. Und selbst in dieser Preisliga ist die Auswahl riesig, wie man auf der weltweit führenden Hifi-Messe, der High End in München, sehen kann. Die Referenzanlagen von Radialstrahler-Experten mbl aus Berlin, vom US-Lautsprecherbauer YG Acoustics oder der Schweizer Hifi-Elektronik-Schmiede Soulution liegen etwa im Bereich zwischen 350.000 und 400.000 Euro. Wer es sich leisten will, kann für eine Stereoanlage so viel ausgeben, wie für zwei Ferraris.

Eine Art Ganzkörpererlebnis

Das mag übertrieben sein. Allerdings erlauben manche der hochpreisigen Anlagen tatsächlich ein einmaliges Musikerlebnis. Der US-Boxenbauer YG Acoustics hatte sein Flagschiff 1.3 aus der neuen Sonja-Reihe nach München mitgebracht. Die mannshohen Lautsprecher bestehen aus drei entkoppelten Segmenten für die Hoch-, Mittel- und Tieftoneinheit. Angetrieben von Qualia-Elektronik klingt das sehr natürlich und transparent. Die Anlage kann mit Wucht, Geschwindigkeit und Autorität auf den Punkt spielen, wenn es das Musikmaterial verlangt. Die YG Acoustics sind aber auch in der Lage, feinste Abstufungen von Stimm- und Instrumenten-Timbres etwa bei klassischer Musik hörbar zu machen.

Ein ganz anderes Klangerlebnis ermöglichen die Radialstrahler von mbl. Die melonenförmigen Treiber strahlen in alle Richtungen gleichmäßig Schall ab, was den Raum auf andere Weise anregt als nach vorne abstrahlende Lautsprecher. Eine Art Ganzkörpererlebnis – der Klang umspült einen aus allen Richtungen. Und es muss nicht unbedingt die Referenzanlage für 400.000 Euro sein. In München kann man das mbl-Erlebnis auch bei der „kleineren Anlage“ mit den Radialstrahlern 116 F für etwas mehr als 50.000 Euro erleben.

Die Hifi-Branche ist eine seltsame Mischung aus Vodoo, Tradition und Hightech. Da gibt es etwa Anlagen, die mit Kabeln vom Durchmesser einer Salami angeschlossen werden, weil das angeblich den Klang steigert. Die alte Schallplatte feiert seit Jahren ein Comeback, weil sie tatsächlich besser klingt. Und gerade in Deutschland ist die Verstärkung mit traditionellen Vakuumröhren weiter sehr beliebt. Andererseits macht die technologische Entwicklung für erschwingliche Summen immer besseren Klang möglich. So hat etwa der Lautsprecherbau auch im unteren Preissegment durch neue Analyse-Tools erhebliche Fortschritte gemacht, genauso wie der Klang von erschwinglichen Digital-Analog-Wandlern, die durch den Trend zur computergestützen Musikwiedergabe (Stichwort: Streaming) einen neuen Entwicklungsschub erhalten haben. Und die energieeffiziente Class-D-Verstärkertechnik ist gerade dabei, ihren anfangs harschen Klang abzulegen und in audiophile Bereiche vorzustoßen.

Seit einigen Jahren machen höhere Downloadgeschwindigkeiten und wachsende Computerspeicher digitale Audio-Formate möglich, die eine weit höhere Auflösung haben als die CD. Diese HighRes-Dateien werden vom Computer abgespielt und klingen in der Regel räumlicher und feiner aufgelöst als der CD-Standard. Das Problem war bisher, diese Datenmengen auch auf Mobilgeräten abzuspielen, da Apple-Geräte diese Standards nicht unterstützen. Im vergangenen Jahr hat Astell&Kern den AK100 vorgestellt, einen kleinen, handlichen Media-Player, der hochauflösende Dateien verarbeitete. Wie Robert Ross vom Deutschlandvertrieb der Morgenpost sagte, hat der sich sehr viel besser verkauft als erwartet, und das trotz eines Preises von 699 Euro. Deshalb hat A&K in München eine verbesserte Version vorgestellt mit mehr Speicherplatz, je einem Wandlerchip pro Kanal und der Möglichkeit, per USB-Schnittstelle direkt Daten vom Computer zu ziehen. Allerdings zum stolzen Preis von 1299 Euro. Aber der Klang per Kopfhörer ist phänomenal.

Boxen mit Diamantenschicht

Auch Lautsprecher sind noch nicht technisch ausgereizt. Die Dänen von Raidho lassen ihre Mittelton-Konusse aus ultraleichter Keramik mit Kohlenstoffteilchen beschießen, die zuvor in einer Art Teilchenbeschleuniger fast auf Lichtgeschwindigkeit gebracht wurden, so dass sich auf der Oberfläche der Keramik eine hauchdünne Diamantschicht bildet. Ob es nun an den Diamanten liegt oder nicht: Die kleine Zweiwegebox D-1 für rund 15.000 Euro liefert ein verblüffend umfassendes Hifi-Erlebnis. Die immer internationaler werdende Messe scheint von der Krise kaum berührt zu sein. Das ließ sich an den Preisen der Premiumhersteller genauso ablesen wie an der zum Vorjahr konstant gebliebenen Zahl von Ausstellern.