Prävention

Firmen verordnen Mitarbeitern Fitness-Programm

Wie bleiben Angestellte gesund? Unternehmen investieren in die Gesundheit der Belegschaft. Ein Ortsbesuch bei BMW in Spandau

Im ersten Ausbildungsjahr kommt der Schock. Johann Gündel erhält von seinem Arbeitgeber, den BMW-Motorradwerken in Berlin, einen seltsamen Anzug. Es ist ein „Altersanzug“, mit Gewichten. Gündel kann sich kaum bewegen, seine Gelenke sind steif, jeder Schritt ist anstrengend. Gündel, blond, schlank, jungenhaft, merkt, wie es sein könnte, wenn er einmal alt ist. Es war kein gutes Gefühl: „Das hat mich erschreckt“, sagt der Azubi.

Der Schrecken war beabsichtigt, auch wenn man bei BMW lieber „Sensibilisierung“ dazu sagt. In der „Azubi-Fit-Woche“ sollen die Berufsanfänger wachgerüttelt werden – damit sie gesund leben. Nachdem sie den Altersanzug ausgezogen haben, erklärt man ihnen, wie sie den Zeitpunkt, ab dem man körperlich abbaut, nach hinten verschieben könne. Mit Sport und gesunder Ernährung.

Belastbar und topmotiviert

BMW hat ein großes Interesse daran, dass Gündel auch mit 60, vielleicht sogar mit 67 noch fit ist. Schließlich wird es dann weniger Facharbeiter geben als heute, und die Arbeit wird noch viel anspruchsvoller sein. Von jungen Leuten wie ihm hängt die künftige Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens ab: Er muss „belastbar und topmotiviert dauerhaft zur Verfügung stehen“, sagt Personalchef Per Ankerer.

Bisher kümmern sich Firmen eher nebenher um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Nur jedes dritte Unternehmen hat nach Angaben der Initiative Gesundheit und Arbeit bisher überhaupt ein betriebliches Gesundheitsmanagement, bei den kleinen sind es noch weniger. Meist sieht es so aus, dass der Mitarbeiter den verstellbaren Bürotisch bekommt, wenn die Bandscheibe bereits kaputt ist. Die jahrzehntelange Praxis, Angestellte mit 60 Jahren in den Ruhestand zu schicken, hat Spuren hinterlassen. Deutschlands Betriebe sind längst noch nicht darauf eingestellt, dass ihre Mitarbeiter bis 67 arbeiten müssen.

Deswegen rückt die Vorbeugung in den Fokus, und die Unternehmen sollen dabei die zentrale Rolle spielen – das wird eine Botschaft auf dem Demografiegipfel der Bundesregierung am kommenden Dienstag sein. „Es gilt, Arbeit in den Betrieben so zu gestalten und die Gesundheitskompetenz so zu stärken, dass die Beschäftigten bis zum Rentenalter gesund, qualifiziert und motiviert erwerbstätig sein können“, steht im Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Gesund, motiviert und qualifiziert arbeiten“, der der Morgenpost vorliegt.

Sozialpartner, Arbeitsministerium und Experten sind sich einig, dass die Gesundheit der Arbeitnehmer auch in die Obhut der Unternehmen gehört. Das Arbeitsschutzgesetz solle „konsequent“ umgesetzt und besser kontrolliert, die betriebliche Gesundheitsförderung ausgebaut werden. Eine wichtige Rolle dabei sollen die Betriebsärzte bekommen. Dafür müssten Unternehmen allerdings kräftig in gesunde Arbeitsbedingungen investieren. Arbeitnehmer wiederum müssten sich von ihren Vorgesetzten erziehen lassen.

Bei BMW versucht man das. Betriebsarzt Ralf Herfordt sitzt in seiner Praxis mitten auf dem Betriebsgelände in Berlin-Spandau. An der Wand hängt ein Plakat mit BMW-Motorradmodellen, vor der Tür warten ein paar Männer. Die Praxis ist den ganzen Tag geöffnet, die Mitarbeiter können mit allen Zipperlein zu ihm kommen. Die meisten sind Mitte 40, viele sind übergewichtig, leiden unter Bluthochdruck, rauchen. Herfordt, 51, schlank und sportlich, ist für das Gesundheitsmanagement des Standortes verantwortlich. „Ich will das Verhalten der Mitarbeiter verändern“, sagt er.

Azubis wie Johann Gündel sollen gar nicht erst übergewichtig werden, und die Älteren will Herfordt noch bekehren. Dazu hat er ein komplexes Aufklärungs- und Anreizsystem eingeführt, im Rahmen der Demografiestrategie des Konzerns, die „Heute für morgen“ heißt. Es gibt zum Beispiel Informationsveranstaltungen zu gesunder Ernährung oder Burn-out. Und das Unternehmen scheut auch nicht vor sonderbaren Aktionen zurück: Im September soll ein 20 Meter langer, begehbarer Dickdarm auf dem Firmengelände aufgebaut werden. Darin sollen die Mitarbeiter sehen könne, wie aus einem Polypen ein Tumor wird. Und dann möglichst schnell zur Krebsvorsorge gehen. Die über 50-Jährigen werden dafür sogar freigestellt.

In der Kantine ist das ungesunde Essen orange markiert, das gesunde grün. Es gibt ein großes Fitnessstudio auf dem Firmengelände. Doch offenbar sträuben sich viele gegen den sanften Druck. „Auf den erhobenen Zeigefinger hören die Mitarbeiter nicht“, sagt Herfordt. Deswegen bildet er Freiwillige aus der Belegschaft zu „Gesundheitsbotschaftern“ aus, die den anderen ins Gewissen reden sollen. „Man braucht einen langen Atem.“ Manchmal träumt Herfordt davon, mehr verordnen zu dürfen. Zum Beispiel kollektive Gymnastikpausen wie in Asien.

Der Erfolg von Prävention lässt sich schwer messen. Deswegen schrecken gerade kleine und mittelgroße Unternehmen davor zurück, viel Geld dafür auszugeben. Wer weiß schon, ob der Krankenstand hoch ist, weil die Mitarbeiter Currywurst essen, sich von der Freundin getrennt haben oder der Schichtdienst zu anstrengend ist?

Bei BMW werden im Schichtdienst Motorräder zusammengebaut, was vor allem langfristig belastend ist. „Heute für morgen“ soll deswegen auch die Arbeitsbedingungen verbessern. Im Werk Spandau werden bereits bei 20 Prozent der Produktionsmitarbeiter Arbeitsplätze auf ihre Belastung hin analysiert. Es gibt Teilzeitmodelle für Schichtarbeiter, neue Bodenbeläge, bessere Arbeitsschuhe und sogar Physiotherapeuten, die individuelle Entlastungsübungen einüben.

Doch die Großzügigkeit stößt an Grenzen. Am Ende, sagt Gesundheitsmanager Herfordt, müssten Motorräder gebaut und Gewinn erwirtschaftet werden. Die ungesunde Schichtarbeit wird weder BMW noch ein anderer Industriekonzern in Deutschland abschaffen.