Fluggesellschaften

Mayrhuber legt Bruchlandung hin

Ex-Lufthansa-Chef zieht Kandidatur für Aufsichtsratsvorsitz zurück und tritt dann doch wieder an

Wär hätte gedacht, dass die Wahl des Aufsichtsratsvorsitzenden bei der Lufthansa derartig turbulent ausfallen würde. Einen Tag vor der hauptversammlung, auf der die Aktionäre Ex-Chef Wolfgang Mayrhuber zum neuen Vorsitzenden des Gremiums bestimmen sollten, zog der 66-Jährige völlig überraschend seine Kandidatur zurück. Er stehe nicht mehr für das Amt zur Verfügung, meldete die Lufthansa am Montagvormittag. Der Grund: Heftige Aktionärskritik an seiner Person und die Firmenpolitik, für die er steht. Eine Blamage für den scheidenden Aufsichtsratschef Jürgen Weber (71), der das Amt an diesem Dienstag an Mayrhuber übergeben wollte und die Personalie von langer Hand vorbereitet hatte. Knapp elf Stunden später war wieder alles anders: Die Lufthansa meldete, Mayrhuber trete doch an. In einer Pflichtmitteilung erklärte das Kontrollgremium am Abend: „Nach der heutigen Bekräftigung des Wunsches zur Kandidatur Wolfgang Mayrhubers durch den Aufsichtsrat sowie der Ankündigung wichtiger Investoren, für Wolfgang Mayrhuber zu stimmen, hat Herr Mayrhuber sich bereit erklärt, an seiner Kandidatur zur Wahl in den Aufsichtsrat unverändert festzuhalten.“

Das rettet jetzt womöglich Webers Nachfolgeszenario, wobei die Wahl spannend wird, schließlich dürfte einigen Aktionären der Zickzackkurs eher weniger gefallen. Die Kritik der Investoren am Österreicher Mayrhuber bleibt ohnehin bestehen. Neben den großen Fondsanbietern Union Investment oder Templeton legte besonders der einflussreiche Aktionärsberater ISS den Lufthansa-Aktionären nahe, gegen den ehemaligen Konzernchef zu votieren. Nach ihrer Ansicht ist seit seinem Ausscheiden bei der Lufthansa zu wenig Zeit vergangenen, weshalb er die Arbeit von Vorstandschef Christoph Franz nicht effektiv kontrollieren kann. Mayrhuber war 2010 nach sieben Jahren an der Spitze der Lufthansa abgetreten. In Deutschland gilt eine sogenannte Abkühlperiode von zwei Jahren als ausreichend – ISS ist da strenger und fordert fünf Jahre. Die Empfehlungen von Aktionärsberatern haben besonders in den USA Gewicht, weil sich viele Fondsmanager nach ihnen richten.

Einflussreiche Auslandsinvestoren

Die Kritik geht aber noch weiter: Unter anderem halte Mayrhuber zu viele Kontrollposten bei anderen Unternehmen, um sich auf die Herausforderungen der Lufthansa zu konzentrieren, erklärte ISS. Derzeit leitet Mayrhuber das Kontrollgremium des Halbleiterherstellers Infineon und sitzt in den Aufsichtsräten des Rückversicherers Munich Re und von BMW. Sein Verwaltungsratsmandat bei der Schweizer Großbank UBS legte er nieder.

Nun haben die ausländischen Aktionäre bei der Lufthansa nicht das Gewicht, das sie bei anderen Konzernen haben. 64,6 Prozent der Lufthansa-Aktien sind in deutscher Hand, ein ungewöhnlich hoher Wert. Dennoch haben die angelsächsischen Investoren beim Verhindern von Mayrhuber, der schon 2011 ohne Wartezeit in den Aufsichtsrat wechseln wollte, großen Einfluss.

Deutsche Anleger wie die Union Investment sprechen hingegen von Fehlern aus Mayrhubers Amtszeit, an denen die Lufthansa leide. „Herr Mayrhuber ist persönlich absolut integer, verkörpert für uns aber zu stark die ,alte Lufthansa‘. Er steht für eine übertriebene Internationalisierung und fehlerhafte Zukäufe, wobei notwendige Investitionen in die Flotte vernachlässigt wurden“, sagt Fondsmanager Ingo Speich.

Die Bilanz Mayrhubers wird auch innerhalb der Lufthansa heiß diskutiert. Er trieb den Expansionskurs der Lufthansa voran und übernahm Fluggesellschaften wie Austrian oder Swiss. Später liefen aber die Kosten aus dem Ruder. Nachfolger Franz korrigiert die Offensive nun seit 2011 mühsam, hat Fehlkäufe wie die britische BMI abgestoßen, den Verlustbringer Austrian mit harter Hand saniert und den hauseigenen Billigflieger Germanwings ausgebaut. Mit der Rosskur will der Konzern sein operatives Ergebnis bis 2015 auf 2,3 Milliarden Euro erhöhen. Damit will Franz langfristig die Unabhängigkeit des stolzen Unternehmens bewahren.

Franz benötige für seinen absolut richtigen Sparkurs Unterstützung vom Aufsichtsrat, die der beschädigte Mayrhuber nicht leisten könne, sagt Fondsmanager Speich. „Er könnte Franz bei seinen notwendigen Entscheidungen nicht ausreichend stärken und gegen Kritik schützen.“ Union Investment würde daher einen unabhängigen Kandidaten bevorzugen, der die Lufthansa kennt, aber nicht unbedingt operative Verantwortung im Konzern getragen haben muss. Um nachhaltig Kosten zu sparen, sollen unter anderem 3500 Stellen in der Verwaltung wegfallen und der Konzern so umgebaut werden, dass er in den kommenden Jahr mindestens acht Prozent Gewinn im Verhältnis zum Umsatz schafft.

Gleichzeitig hat der Vorstandschef das größte Investitionsprogramm in der Geschichte der Lufthansa auf den Weg gebracht. Für 17 Milliarden Euro hat der Konzern neue und im Betrieb kostengünstigere Flugzeuge bestellt, drei Milliarden Euro werden zusätzlich ausgegeben, um neu gestaltete Sitze einzubauen und die gesamte Langstreckenflotte in den kommenden Jahren mit technischen Neuerungen wie Internet an Bord oder moderneren Unterhaltungs-Systemen auszurüsten. Vielen Branchenexperten geht das angesichts der mittlerweile vergleichsweise sehr guten Angebote vor allem der Konkurrenten vom arabischen Golf aber nicht schnell genug.

Überhaupt ist das Kontrollgremium noch nach der Tradition der „Deutschland AG“ besetzt: Im internationalen Konzern mit mehr als 30 Milliarden Euro Jahresumsatz sitzen auf der Anteilseignerseite bislang vor allem ehemalige Lufthansa-Manager und Vertreter anderer Dax-Konzerne wie SAP, Adidas und BASF. Ausländische Investoren sind klar in der Minderheit. Auch mit dem neuen Personaltableau – neben Mayrhuber sollte mit Merck-Chef Karl-Ludwig Kley ein weiterer Ex-Lufthanseat einziehen – zeichnete sich keine Wende ab. Kley wäre sicherlich auch ein guter Kandidat für den Posten des Aufsichtsratschefs. Er hatte 1998 bis 2006 sowohl für Weber als auch für dessen Nachfolger Mayrhuber als Finanzvorstand gearbeitet und die Zu- und Verkäufe von Beteiligungen gemanagt, bevor er an die Spitze des Darmstädter Pharmakonzerns wechselte.

Seinen Abschied als Aufsichtsratschef hat sich Weber sicher etwas ruhiger vorgestellt. Er hatte Mayrhuber 2010 als seinen Wunschkandidaten bezeichnet und setzte auf eine ruhige Amtsübergabe.