Fluggesellschaften

Todmüde im Cockpit

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Jeder dritte Pilot ist schon am Steuer eingenickt. Die Gewerkschaft fürchtet um die Sicherheit und will mehr Ruhezeiten

Die Maschine der skandinavischen Airline SAS flog im Februar 2011 komplett führerlos. Der Kopilot hatte das Cockpit verlassen – und der Pilot schlief fest. Die Passagiere auf dem Flug von Stockholm nach Kopenhagen bekamen davon nichts mit, der Kopilot kehrte kurz darauf ins Cockpit zurück, und passiert ist zum Glück nichts. Die Piloten-Gewerkschaft vermutet, dass womöglich Übermüdung zu der brandgefährlichen Situation führte. So glimpflich lief es 2009 in den USA nicht ab. Eine Maschine der Regionalfluggesellschaft Colgan Air stürzte beim Landeanflug auf Buffalo ab, ein wesentlicher Grund war damals Übermüdung der Piloten. Alle 49 Menschen an Bord sowie eine Person am Boden kamen ums Leben. Die Konsequenz: Die Arbeitszeiten der US-Piloten wurden verkürzt, jetzt dürfen sie nachts nur noch neun Stunden fliegen.

Proteste auf Flughäfen

In Europa liegt das Limit für Nachtflüge bei elf Stunden und 45 Minuten. Diese Obergrenze soll mit der vom EU-Parlament beschlossenen Harmonisierung der Flugdienstzeiten für Piloten zwar sinken. Doch lediglich auf elf Stunden, zwei Stunden mehr als in den USA. Die 38.000 Verkehrs-Flugzeugführer in Europa warnen nun, es könne, wenn die Flugzeit nicht verkürzt werde, künftig durchaus zu einem ähnlichen Crash wie in den USA kommen. Durch öffentliche Sleep-Inns auf Flughäfen und Unterschriftensammlungen im Internet versuchen sie, die Europa-Parlamentarier wachzurütteln.

Die EU-Kommission schiebt den neuen Arbeitszeitvorschlag trotz aller Proteste bislang aber in den Gesetzgebungsprozess. Die europäischen Flugzeugführer drohen jetzt mit weiteren Protestaktionen und wollen zur Not sogar streiken. Die Fluggesellschaften werfen ihren leitenden Mitarbeitern vor, dass sie unter dem Deckmantel der Sicherheit mit der Angst der Passagiere knallharte Tarifpolitik betreiben. Die Fronten sind verhärtet.

Laut einer Umfrage der europäischen Pilotenvereinigung ist jeder dritte Pilot in Europa schon einmal im Cockpit eingeschlafen. Die aktuellen Flugdienstzeitregelungen führen laut Pilotenvereinigung Cockpit (VC) bei den Flugzeugführern zu einer derart ausgeprägten Übermüdung, dass der Großteil des in Deutschland organisierten Cockpitpersonals erhebliche Sicherheitsbedenken hat. Im Straßenverkehr sind Erschöpfung und Übermüdung mittlerweile die häufigste Unfallursache.

Die US-Raumfahrtbehörde NASA schätzt, dass rund ein Fünftel aller Flugunfälle und sicherheitskritischen Zwischenfälle darauf zurückzuführen ist, dass die Piloten übermüdet waren. Und Müdigkeit führt zu ähnlichen Ausfallerscheinungen wie mehrere Drinks. Wissenschaftliche Studien haben angeblich ergeben, dass vier Stunden Schlafentzug in ihren Auswirkungen auf die menschliche Leistungsfähigkeit vergleichbar sind mit einem Konsum von fünf bis sechs Gläsern Bier. Eine Wachphase von 17 Stunden entspricht einem Blutalkoholwert von 0,5 Promille.

Diese Zahlen kennen natürlich auch die viel fliegenden Mitglieder des Verkehrsausschusses im EU-Parlament. Sie berieten Mitte März erstmals über den von der europäischen European Aviation Safety Agency, kurz EASA, ausgearbeiteten Vorschlag zur Neuregelung der Arbeitszeiten. Endgültig im Parlament abgestimmt werden soll spätestens im Herbst. Und bis dahin wollen die Piloten fleißig weiter Unterschriften verunsicherter Fluggäste gegen die neuen Arbeitszeiten der Piloten sammeln. Die ersten 100.000 Unterschriften wurden der EU Kommission kürzlich übergeben.

„Drei unabhängige Gutachten von Wissenschaftlern belegen eindeutig, dass Nachtflüge auf maximal zehn Stunden begrenzt sein sollten“, heißt es in einem Brief der Pilotenvereinigung Cockpit an Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Er zeigte sich auf einer Infoveranstaltung von Cockpit durchaus offen für deren Bedenken.

Und die Piloten fürchten zudem, dass sie tagsüber auch weiterhin bis zu 15 Stunden am Stück fliegen sollen. Das ist in etwa die Zeit, die die meisten Fluggesellschaften im Europaverkehr ihre Flugzeuge gern in der Luft halten wollen. Die Vereinigung Cockpit verweist dagegen auf Studien der US-Flugsicherheitsbehörde FAA, wonach das relative Unfallrisiko ab einer Dienstzeit von zwölf Stunden stark ansteigt.

Unterstützt werden die Piloten durch die Gewerkschaften der Flugbegleiter, die zum einen um ihre persönliche Sicherheit und die ihrer Gäste fürchten und davon ausgehen, dass auch sie künftig länger am Stück arbeiten müssen.