Gründerzeit

Digitales Lesen salonfähig gemacht

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Jürgen Stüber über das Lesen in der Post-PC-Ära und die Rolle des Butterbrotpapiers im Digitalrechtemanagement

In der alten Zeit hat man interessante Texte aus Zeitungen herausgerissen, Beiträge in Zeitschriften fotokopiert, Zitate aus Büchern auf Karteikarten geschrieben – und alles beiseite gelegt für den geeigneten Moment des Lesens. In der Tablet- oder Post-PC-Ära funktioniert das nicht mehr. Fundsachen aus dem Internet auszudrucken, ist keine Option, Links in Lesezeichenlisten zu sammeln ist umständlich.

Dieses Dilemma zu lösen, hat sich ein Kreuzberger Start-up vorgenommen und dazu eine iPad-App entwickelt. Dotdotdot will eine digitale Leseplattform sein, auf der die Nutzer Texte, die sie im Web entdecken und für interessant befinden, an einem zentralen Ort sammeln können, um sie später zu lesen. „Wir wollen das Potenzial digitaler Texte nutzen“, sagt Thomas Schinabeck, einer der vier Gründer. „Dotdotdot ist der Ort, wo man sein gelesenes Wissen sammelt.“

Die Plattform soll mehr sein als Online-Notizbücher wie Memonic, Evernote, Wunderlist oder Google Keep. Die Gründer haben den Anspruch, alle gesammelten Texte in einem ansprechenden Layout bereitzustellen sowie in einer einheitlichen und gut lesbaren Schrift. Dazu werden die Texte zunächst per Klick auf ein vorinstalliertes Browser-Plugin in der Dotdotdot-Bibliothek gespeichert. Die Fundsachen aus dem Web können anschließend mit Tags verschlagwortet werden, damit der Nutzer sie systematisch archivieren kann und sie später leichter findet.

Dotdotdot hat auch eine soziale Komponente. Nutzer können Texte, die andere Leser gesammelt und freigegeben haben, einsehen und sich darüber austauschen. Ganze Texte oder auch nur annotierte Passagen lassen sich teilen, kommentieren und in soziale Netzwerke versenden. Online-Diskussionen beginnen direkt aus Texten heraus. Es ist möglich, in der App ein Ranking der meistzitierten Textpassagen aus einer Gruppe von Lesern anzuzeigen.

Für die soziale Komponente ihrer App haben die Berliner Gründer einen so genannten Fingerprint-Algorithmus entwickelt. „Das kann man sich vorstellen wie ein Butterbrotpapier, das man auf einen Text legt“, erläutert Mitgründer Thomas Weyres. „Der Leser liest den Text, der unter dem Butterbrotpapier liegt, und setzt seine Markierungen darauf, und nur diese wandern zwischen den Nutzern hin und her“.

Damit umgehen die Gründer das rechtliche Problem, dass der Austausch urheberrechtlich geschützter Daten verboten ist. Und mit illegalem Filesharing wollen sie nichts zu tun haben. Die Textdateien selbst würden nicht angetastet, sagt Weyres.

Auf der Plattform sind auch nur Inhalte verfügbar, die keiner digitalen Rechteverwertung (DRM) unterliegen. Kindle- oder iTunes-Bücher lassen sich dort nicht archivieren – noch nicht. Die Gründer hoffen, dass sich die Rechtslage ändert und die großen Buchhändler die soziale Dimension des Lesens erkennen. Das Start-up wurde im Jahr 2012 gegründet. Anfang 2013 erschien die erste Version einer Web- und iPad-App. Versionen für das Betriebssystem Android seien in Arbeit, sagen die Gründer.