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Wo sich Fußball-Süchtige ihren Nachschub holen

Earlybird investiert zehn Millionen Euro in die Fußball-App iLiga des erfolgreichen Start-ups Motain

Wenn man versucht, Lucas von Cranachs Geschäftsidee in einem Satz zu skizzieren, dann trifft es wohl am besten folgender: Lucas von Cranachs Geschäft ist die Sucht. Die Sucht von Fußball-Fans nach jeder noch so kleinen Nachricht über die von ihnen verehrten Vereine, ihre Stars, die Gegner. Von Cranach selbst sagt das so: „In unserem Produkt spiegelt sich meine eigene Abhängigkeit von Fußballnachrichten.“

Von Cranach ist Gründer und Chef des weitgehend unbekannten Berliner Start-ups Motain (steht für Mobile und Infotainment), das in seinen Büros an der Münzstraße die sehr bekannte Fußball-App iLiga betreibt. Am Donnerstag hat sich eine Investoren-Gruppe um den in Berlin ansässigen Wagniskapitalgeber Earlybird an dem Unternehmen beteiligt. Zehn Millionen Euro pumpen die Investoren in Motain, um das Wachstum zu beschleunigen.

iLiga (im Ausland: The Football App) gehört zu den Top-5-Sport-Apps in den Stores von Apple, Google, Microsoft. 6,5 Millionen Menschen weltweit haben sich die App auf ihre Smartphones und Tablets geladen. 3,5 Millionen Nutzer sind monatlich aktiv, rund eine Million Nutzer verbringen durchschnittlich bis zu zwei Stunden am Tag mit iLiga-Angeboten. Jeder Nutzer ruft monatlich 250 Seiten auf.

„Kern unseres Produktes ist es, die Neugier von Fußballfans zu bedienen“, sagt von Cranach: „Wie steht es im Spiel? Welcher Spieler hat sich im Training verletzt? Wen hat mein Verein gerade gekauft und wen verkauft? Kein Fan darf zu uns kommen und dann nichts Neues finden.“

400 Ligen in 40 Sprachen

iLiga bietet Live-Ticker, Nachrichten, Videos und Statistiken aus 100 Fußballligen weltweit in zehn Sprachen – von der Bundesliga, der Premier League und der italienischen Serie A über die brasilianische Liga bis hin zur Regionalliga Nordost. „Wir haben gerade erst die türkische Süper Lig ins Programm genommen, weil unsere Nutzer sich das gewünscht haben“, sagt von Cranach. Bis zum Jahresende soll die App den Weg zu Informationen aus mehr als 400 Ligen und 40 Sprachen bahnen. Dafür soll ein Teil der Earlybird-Millionen investiert werden.

Das iLiga-Team besteht nicht aus Redakteuren und Sportreportern. Bei Motain arbeiten Programmierer, die eher um die Vorzüge und Nachteile von Windows, iOS oder Android rangeln. iLiga produziert keine Inhalte, sondern führt Nachrichten und Berichte zusammen. „Mindestens 100 pro Tag“, sagt von Cranach. Anders aber als so genannte Aggregatoren wie zum Beispiel Google News sammelt iLiga nicht einfach Schnipsel unentgeltlich aus dem Netz ein. Motain kooperiert vielmehr mit Sportnachrichtendiensten und –websites in den jeweiligen Ländern. Deren lizenzierte Nachrichten werden unter dem Brand des Partners präsentiert. Der so erzeugte Traffic geht auf die Originalseiten. Mit 40 solcher Content-Provider arbeitet Motain derzeit zusammen.

Darüber hinaus hat Motain Apps für Bundesligaspitzenklubs wie Bayern München oder Dortmund und spezielle Angebote zu Europameisterschaften und der Champions League programmiert. Über alle Plattformen und saisonalen Angebote hinweg wurden die Motain-Apps mehr als zwölf Millionen Mal heruntergeladen.

„Und das ohne einen Euro ins Marketing zu investieren“, sagt von Cranach, der erst seit Jahresbeginn eine eigene Pressesprecherin beschäftigt. Bis dahin lebte das 2008 gegründete Start-up von Mund-zu-Mund-Propaganda, den Pressemitteilungen von Geschäftspartnern und den Test-Empfehlungen in Fußball-Medien. „Für uns hat die Funktionalität der App im Vordergrund gestanden, nicht die Markenbildung“, sagt von Cranach.

Ausbau zu sozialem Netzwerk

Finanziert haben Cranach und seine Mitgründer das Unternehmen bislang auf eigenes Risiko. Die Earlybird-Beteiligung ist die erste institutionelle Investition überhaupt. Neben der Expansion wird Motain die Kapitalspritze für die Erweiterung der App zu einem sozialen Netzwerk nutzen. Darin sieht von Cranach hohes Potenzial für das Unternehmen. Zum einen, weil es dem Bedürfnis von Fans entspricht, sich auszutauschen. „Der überwiegende Teil unserer Nutzer will das. Und zwar über Kommentarfunktionen hinaus“, sagt von Cranach und verweist auf den Erfolg eines Tipp-Spiels. „Dann bedienen wir drei Säulen: die globale Nutzergruppe, Fangruppen und Freunde.“

Zum anderen, weil sich mit einer treuen und verbundenen Kundschaft deutlich mehr Geld verdienen lässt. Bislang erzielt Motain seine Umsätze durch Werbeeinblendungen oder die Dienstleistungen für Clubs. Ein mittlerer einstelliger Millionenumsatz sei damit im vergangenen Jahr erreicht worden. Die App selbst ist kostenfrei.

Künftig setzt von Cranach auf so genannte Transaktionsgeschäfte – Provisionen von Wettanbietern, Fanshops, Ticketverkäufern. Bis zum Jahresende soll sich der Umsatz verdoppeln, im laufenden Quartal will Motain bereits operativ schwarze Zahlen schreiben. Die Zahl der Mitarbeiter soll bis Dezember von derzeit 30 auf 50 bis 75 steigen.