Konjunktur

Die Euro-Zone verliert aus Sicht des IWF den Anschluss

Die einen finden Christine Lagarde angenehm geradlinig, andere halten sie für ein bisschen zu frech. Tatsächlich gibt sich die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) gern provokant, wenn sie Politiker zum Handeln gegen die Krise aufruft.

„Wir brauchen Gesetzgeber, die ihren Job erledigen“, ließ die ehemalige französische Finanzministerin jüngst wieder ihre europäischen Ex-Kollegen wissen. „Sie haben den Hang, sich ein bisschen auszuruhen.“ Was Lagarde süffisant verpackt, ist in Wahrheit eine laute Warnung: Die Euro-Zone – und mit ihr Deutschland – verliert den Anschluss an den Rest der Weltwirtschaft, wenn sie ihre Probleme nicht endlich mutig löst.

Wenn Ende der Woche die Finanzminister und Notenbankchefs der 188 IWF-Mitgliedsländer zur Frühjahrstagung nach Washington kommen, wird genau dies Lagardes Leitmotiv sein: Eine halbe Dekade nach der globalen Finanzkrise befindet sich die Welt endlich wieder in einer stabilen Konjunkturlage – Europa aber nicht. Seit Tagen beklagt die 57-Jährige in Interviews unablässig eine „Erholung mit drei Geschwindigkeiten“.

Was sie damit meint, zeigt die Konjunkturprognose des IWF: Die Schwellenländer haben fast wieder zu alter Stärke gefunden, sie werden dem IWF zufolge 2013 um insgesamt 5,7 Prozent wachsen, China etwa um acht Prozent, Indien um 6,2 Prozent, Afrika südlich der Sahara um 6,1 und Brasilien um vier Prozent. Die USA sind über das Gröbste hinweg und legen mit 3,0 Prozent Wachstum deutlich kräftiger zu. Europa hingegen ist in Lagardes neuer Dreiklassengesellschaft mit 1,1 Prozent im unteren Drittel zu finden – gemeinsam mit Japan, das sein Plus durch extrem lockere Geldpolitik auf 1,4 Prozent verdoppeln kann.

Die Deutschen dürften es nicht gerne hören, von Lagarde in die schwächste Gruppe gesteckt zu werden. Zumal es nicht der Wirtschaftsstandort Deutschland ist, der in ihren Augen bremst. Im Gegensatz zu Rezessionsländern wie Spanien, Italien und Frankreich wird Europas größte Volkswirtschaft mit 0,6 Prozent in diesem Jahr und 1,5 im kommenden recht erklecklich wachsen. Auch politisch hält Lagarde Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für die „unangefochtene Anführerin“ auf dem Kontinent.