Kommentar

Mehr als nur ein Hype

René Gribnitz über die Erwartungen an die Berliner Gründerszene

Ist der Gründerboom in Berlin ein Hype? Bestimmt, denn jede sprunghafte Veränderung wird von einem Hype begleitet. Ist das schlecht? Das wäre es, wenn hier nur Luftschlösser gebaut würden. Aber das Gegenteil ist der Fall. Berlin ist Sitz des größten Online-Mode-Händlers Europas, Zalando: eine Milliarde Euro Umsatz, zum Ende des Jahres mehr als 3000 Beschäftigte. In Berlin arbeitet Wooga, nach dem US-Konkurrenten Zynga weltweit die Nummer zwei im Markt für Social Games. In Berlin sitzt der Audiostreamingdienst Soundcloud, der gerade in den USA zu einer der meistgenutzten Plattformen für das Teilen von Musik und Tönen wird. Hier arbeitet Researchgate, ein Netzwerk, das Forscher weltweit verbindet.

Lieferheld, Hitfox, Babbel – nur drei der mehreren hundert jungen Firmen aus Berlin, die weltumspannend Geschäfte machen, Arbeitsplätze schaffen, die Stimmung derart verändert haben, dass das Berliner Wirtschaftswachstum nur noch einen Weg kennt: nach oben. In keiner anderen deutschen Region werden im Start-up-Sog so viele Unternehmen gegründet wie ihn Berlin, entstehen so viele Jobs. Hierher fließt das meiste Wagniskapital. Keine andere deutsche Stadt verzeichnet solche Zuwächse an Touristen – und Einwohnern. Das alles hat auch mit dem Start-up-Boom zu tun. Damit spielt Berlin längst noch nicht in der selben Liga wie das seit mehr als 60 Jahren prosperierende Hightech-Mekka Silicon Valley, ein solcher Vergleich verbietet sich. Aber Berlin ist neben London zum besten Platz für die Gründung eines Start-ups in Europa geworden.

Doch wie immer, wenn es um Berlin geht, reicht es nicht. Seit Start-up-Papst Mike Butcher auf TechCrunch Europe bemängelte, dass in den letzten sechs Monaten kein größeres Berliner Start-up verkauft oder an die Börse gebracht wurde, herrscht Häme in den Netzwerken. „Das Valley lacht über den Berliner Start-up-Hype“, titelt der (deutsche) Mediendienst Meedia.

Dabei sind schon Butchers Argumente zu hinterfragen. Er bemisst den Erfolg des Standortes allein an Multimillionen-Dollar-Exits und schürt damit genau den Hype, den er kritisiert. Dass die Gründer von Wooga und Soundcloud nicht verkaufen oder an die Börse gehen wollen, sondern das Geschäft aus eigener Kraft ausweiten, wertet er als Makel. Den Geschäftserfolg von Online-Händlern wie Zalando wertet er nicht, weil E-Commerce-Start-ups keine Technologie-Unternehmen seien. Die jüngsten Übernahmen – Peritor durch Amazon, Aupeo durch Panasonic, Tunedin durch Axel Springer – zählten nicht, weil die Kaufsummen nicht veröffentlicht wurden.

So kann man Erfolge kleinreden – wenn man in London sitzt.