Sozialpolitik

Die Legende vom Hartz-IV-Schmarotzer

„Die wollen nicht arbeiten“ – so lautet ein Vorurteil über Langzeitarbeitslose. Eine Studie räumt jetzt mit dem Vorurteil auf

„Ich will nicht arbeiten, Hartz IV reicht mir“, sagt Susanne Müller (Name geändert). Die 42-Jährige lebt seit Jahren vom Arbeitslosengeld II. Sie geht spazieren, füttert Vögel, sammelt Pfandflaschen, und macht alle Maßnahmen mit, die ihr das Jobcenter nahelegt. Pro forma schreibt sie auch Bewerbungen, aber so, dass jeder Arbeitgeber lieber abwinkt.

Die Geschichte der freiwilligen Arbeitslosen, die in der vergangenen Woche in der Morgenpost erschien, hat viele Leser bewegt, viele auch erzürnt. Doch ist Susanne Müller die typische Hartz-IV-Empfängerin? Jeder dritte Deutsche würde zustimmen: 37 Prozent sind überzeugt, dass Hartz-IV-Empfänger gar nicht arbeiten wollen, ergab eine Allensbach-Umfrage. Heinrich Alt, der für die Grundsicherung zuständige Vorstand der Bundesagentur, sieht das anders: „Wir reden hier über Einzelfälle, über ein Randphänomen“, sagte Alt der Morgenpost. Die Wahrheit sei weit davon entfernt.

„Meiner Meinung gibt es nur wenige Menschen, denen es ohne Arbeit gut geht. Und das meine ich nicht nur unter finanziellen Gesichtspunkten“, gibt Alt zu bedenken. Sicherlich gebe es Menschen, die ein Lebensmodell für sich entworfen haben, in der Arbeit nicht vorkommt, räumt der BA-Vorstand ein. Doch wie groß diese Gruppe ist, darüber gibt es keine Zahlen. Sicher ist: Nur die wenigsten suchen das Licht der Öffentlichkeit, wie etwa der Hamburger Arno Dübel, „Deutschlands frechster Arbeitsloser“ (Bild-Zeitung), der in Talkshows die Vorzüge eines Lebens auf Stütze pries.

Alles nur Einzelfälle? Dagegen spricht die hohe Zahl von Sanktionen, die die Jobcenter gegen unwillige Hartz-IV-Empfänger aussprechen. Im vergangenen Jahr waren es mehr als eine Million. Der überwältigende Teil – 70 Prozent – allerdings nur, weil Hartz-IV-Bezieher Termine im Jobcenter versäumten. Gemessen an der Gesamtzahl der Leistungsempfänger ist die Zahl der Sanktionen gering. Die Sanktionsquote liegt bei gerade einmal 3,4 Prozent. Bundesland mit der höchsten Sanktionsquote war Berlin mit 4,8 Prozent.

Drei Wissenschaftler des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) wollten genau wissen, wie es um die Arbeitsbereitschaft der Hartz-IV-Bezieher bestellt ist. Heraus kam eine Studie mit dem Titel „ALG-II-Bezug ist nur selten ein Ruhekissen“. Sie nutzten dabei Befragungen von Arbeitslosen. Danach waren zwei Drittel der Hartz-IV-Empfänger gar nicht untätig. 30 Prozent arbeiteten – die meisten als Minijobber. Zehn Prozent machten eine Ausbildung, weitere zehn Prozent absolvierten eine Jobcenter-Maßnahme, weitere zehn Prozent kümmerten sich um ihre kleinen Kinder und fünf Prozent pflegten Familienangehörige. Der überwiegende Teil der Hartz-IV-Bezieher ist damit gar nicht zur Arbeitssuche verpflichtet.

Dabei ist die Arbeitsmotivation unter den Leistungsbeziehern nach den Erkenntnissen der Forscher recht hoch – sogar höher als in der übrigen Bevölkerung: Drei Viertel erklärten, „Arbeit zu haben ist das wichtigste im Leben“. 80 Prozent würden auch dann gerne arbeiten, wenn sie das Geld nicht brauchen. Allerdings handelt es hierbei um die Selbsteinschätzung der Arbeitslosen. Schwächer fallen die Werte denn auch aus, wenn konkret nach Bemühungen um Arbeit gefragt wird. Nur knapp zwei Drittel gaben an, in den letzten vier Wochen nach Arbeit gesucht zu haben. Rund 350.000 Hartz-IV-Bezieher suchten nicht nach Arbeit, obwohl sie dazu verpflichtet waren und gingen keiner anderen Tätigkeit nach.

Soziale Hängematte?

Ist das nun der harte Kern der notorischen Arbeitsverweigerer, die es sich in der sozialen Hängematte bequem gemacht haben? Die Forscher meinen: nein. Am häufigsten werden gesundheitliche Gründe dafür genannt, dass nicht gesucht wird. Auch Entmutigung nach langer, erfolgloser Suche spiele eine Rolle. Dazu passe auch der Befund, dass die Nicht-Sucher häufiger aus arbeitsmarktschwachen Regionen zu finden sind.

Viel spricht dafür, dass die meisten dieser 350.000 Menschen ältere und kranke, chancenlose Arbeitslose sind, die resigniert auf die Rente warten. „Nur eine sehr kleine Minderheit nennt Gründe, die als direkte Hinweise auf eine fehlende Arbeitsmotivation gedeutet werden könnten“, notieren die Forscher. Diese antworteten etwa: „Weil mein Haushaltseinkommen so ausreicht“ oder „Weil meine finanzielle Lage sich nicht verbessern würde“. Dass „Arbeitslose alle faul sind“ gehört für IAB-Direktor Jürgen Möller zu den „Mythen der Arbeit“.

Auch BA-Vorstand Heinrich Alt warnt, „ein Bild von Hartz-IV-Empfängern zu zeichnen, das es nicht gibt“. Er sagt: „Ich treffe in den Jobcentern Menschen, die sagen, dass das Herumsitzen sie krank macht, die das Gefühl vermissen, gebraucht zu werden und die so sehr auf ein Erfolgserlebnis hoffen“, berichtet Alt, der vor 36 Jahren in der Arbeitsverwaltung begonnen hat. Arbeit sei mehr als nur Gelderwerb, betont der Arbeitsmarktpraktiker. „Die meisten Menschen nehmen einen dauerhaften Transferbezug als entwürdigend wahr“, erklärt er. „Sie wollen einen Beitrag leisten und der eigenen Familie ein Vorbild sein.“